Tränen in der Stille

Tränen in der Stille

Die unverblümte Liebesgeschichte zweier Aussenseiter

 

Nacht unter der Eiche

Wie friedlich und ruhig diese Nacht doch ist...
Es ist eine Schande, dass normale Menschen die ganze Schönheit der Nacht verschlafen.
Andererseits ist diese Tatsache aber auch nicht wegzudenken, da es andersherum der Nacht die Ruhe nehmen würde, wodurch ihre Schönheit ebenso entschwinden würde.
Die nächtliche Stille durchflutet meinen Geist und strahlt mit dem schlichten Grauschleier, der sich über sämtliche Dinge gelegt hat, ein unvergleichlich behagliches Gefühl aus, welches man in dieser Intensität am helllichten Tage niemals spüren könnte.
Ich lehne am Stamm einer mächtigen Eiche und lausche den Klängen der Natur um mich herum. Weit und breit kein Auto zu hören. Lediglich hier und da ein entferntes Rascheln im Unterholz oder ein Uhu, von denen einer auch direkt über mir, auf den Ästen der Eiche thront. Manche Tiere nutzen die dunklen Stunden um auf die Jagd nach anderen Tieren zu gehen. Es sei ihnen nicht zu verübeln. Sie müssen ja auch irgendwie über die Runden kommen. Genauso wie wir auch irgendwie über die Runden kommen müssen.
"Wir" - das sind Mia und ich, Len. Außer uns beiden haben wir niemanden und wir brauchen auch niemanden sonst. Wir sind allein mit uns.
Ganz allein liegen wir in unseren Armen unter dem schützenden Blätterdach der großen Eiche im Wald. Mia schläft. Ich betrachte sie, wie sie unschuldig wie ein kleines Kind in meinen Armen liegt und leise atmet. Sie ist wunderschön. Ich streiche ihr behutsam durch ihr langes, schwarzes Haar - so sanft, als berühre ich das weiche Federkleid eines Vogels.
Obgleich sie schläft, weiß ich genau, dass sie keine Sekunde der nächtlichen Schönheit verpasst, wie es andere Menschen tun. Manchmal habe ich das Gefühl, sie besser zu kennen als mich selbst.
Andere Menschen schlafen in Häusern, weil sie glauben sich vor irgendeinem Hirngespinst schützen zu müssen, welches dort draußen sein Unwesen treibt. Sie und ich wissen, dass dies Schwachsinn ist. Auch vor den Tieren hier haben wir nichts zu befürchten. Jegliche Angst im Dunkeln ist eine Eigenart der Anderen, die ich nicht verstehen kann. Die Augen gewöhnen sich viel schneller an die Dunkelheit, als man glauben mag und dann sieht man beinahe genauso klar wie am Tage. Man sieht nur schlichter. Vielleicht ist es diese Schlichtheit, vor der sich die Anderen fürchten. Sie wollen nicht schlicht sein.
Nässe und Kälte sind natürlich weitere Faktoren, die das Schlafen in Häusern rechtfertigen. Aber zum Schutz davor haben wir unseren kleinen Unterschlupf, welcher früher einmal von Tieren bewohnt wurde. Wenn es nass und kalt ist kehren wir dort ein und machen uns ein wärmendes Feuer. Aber heute ist es weder nass noch kalt und so bietet uns die große Eiche genügend Schutz.
Der kühle Wind weht über uns hinweg und lässt die Baumwipfel leise rascheln und im Mondlicht tanzen. Mia öffnet die Augen einen Spalt. Sie liegt eingekuschelt in meinen Armen ganz nah an mir. Ich sehe ihr die stille Freude in meinen Armen zu liegen an, welche ich voll und ganz teile. Wohlig schmiegt sie sich an mich. Wir sind eins. In diesen Momenten sind wir vollkommen vereint. Unser Innerstes ist dies zu jeder Zeit, doch unsere Körper sind es nicht.

Abschiedsschmerz am Morgen

Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach und läuten einen neuen Tag ein. Langsam trennen sich unsere umschlungenen Körper wieder voneinander. Ich will nicht behaupten, dass der Tag nicht schön sei, bloß wird diese Schönheit durch das ganze Leben, welches dann erwacht und so laut, grell und rau ist, getrübt. Außerdem verzerren die vielen Farben den Blick auf das schlichte Wesentliche.
Ich nehme ihre Hand und helfe ihr auf. Wir müssen nach Hause, bevor unsere Familien wach werden. Sie wollen nicht, dass wir hier draußen schlafen. Sie machen sich Sorgen um irgendetwas und versuchen es uns zu verbieten. Ich verstehe den Grund allerdings nicht.
Während der Himmel immer heller wird, gehen wir Hand in Hand die Landstraße am Rande des Waldes entlang. Autos fahren an uns vorbei und blenden uns mit ihren Scheinwerfern. Die Leute darin starren uns an, als hätten wir ein totes Tier auf dem Kopf.
Wir erreichen den Eingang zur Stadt, in denen sich die Häuser unserer Familien befinden. An der ersten Straßenecke trennen sich unsere Wege. Wir halten uns an den Händen und versuchen den Abschiedsschmerz zu unterbinden, doch gelingt uns dies nicht. Ein paar Tränen kullern ihre Wangen hinunter, während sie mir in die Augen sieht. Auch ich kann ein paar Tränen des Abschieds nicht zurückhalten. Sie drückt meine Hände so fest, als wolle sie mich niemals mehr los lassen. Ich fühle ebenso. Dann zieht sie mich ruckartig an sich und legt ihre Arme um mich.
Eine innige Umarmung, ein leidenschaftlicher Kuss, ein schmerzender Blick.
„Ich liebe dich, Mia... meine Mia.“, flüstere ich.
Sie gibt mir einen letzten Kuss und entweicht meinen Armen. „Ich liebe dich auch... für immer.“
Die Worte stecken so voll ehrlicher Leidenschaft, dass mir kurz schwindlig wird. Den meisten Menschen ist die Bedeutung dieser Worte abhanden gekommen, doch uns bedeuten sie alles. Es ist die ehrliche, reine, konzentrierte Form sämtlicher Gefühle die wir für einander empfinden - ausgedrückt in drei kleinen Worten.
Ich blicke ihr noch einen Moment nach, wie sie die Straße hinauf läuft. Dann mache ich mit gesenktem Kopf kehrt und laufe in die andere Richtung, die Straße hinunter. Sie biegt in ihre Straße hinein und ich in meine. Wir sehen uns nicht mehr.
Und obwohl dies kein Abschied für immer war, sind die Stunden, welche wir alleine, ohne uns, verbringen müssen, schwer und schier unendlich.
Es wird heller. Langsam müsste meine Familie wach werden. Ich muss mich beeilen. Schnell und so leise wie nur möglich klettere ich über ein Abflussrohr auf das Vordach unseres Hauses. Von dort aus ist es ein Leichtes unbemerkt in mein Zimmer zu huschen, da das Vordach genau zum Fenster meines Zimmers führt. Ich habe es offen gelassen, sodass ich es nur noch aufstoßen muss, um hinein zu gelangen.
Im Inneren meines Zimmers verschließe ich das Fenster und entkleide mich. Meine Klamotten sind ziemlich dreckig. Ich verschanze sie hinter meinem Bett, um keinen unnötigen Fragen meiner Mutter ausgesetzt zu sein und ziehe mir Frische an. Dann lasse ich mich aufs Bett fallen und schließe die Augen...
Mein Herz schlägt ziemlich heftig. Ich bin mir nicht sicher, ob es von der hastigen Kletterei kommt oder ob es nach Mia ruft.
Doch... eigentlich bin ich mir sicher.

Frühstück

„Aufstehen, Len!“, schallt es durch den offenen Spalt der Tür. Ich habe keine Lust. Der Tag fliegt an mir vorüber wie ziehende Vögel, die in den Süden unterwegs sind. Leider dauert er schätzungsweise auch so lange wie die Reise der Vögel. Ohne Mia strecken sich die Stunden wie Kaugummi, während sie mit ihr viel zu schnell vorbei sind. Aber mir bleibt ja zum Glück die Alternative den Tag einfach zu überschlafen. Jetzt muss ich allerdings erst einmal aufstehen. Sonst wird Mama sauer und das würde ich ganz gerne vermeiden. Sie hält sowieso schon nicht besonders viel von mir, was mir aber im Grunde genommen gleichgültig ist.
Langsam stehe ich auf. Ich habe nicht geschlafen. Allerdings liege ich auch erst seit anderthalb Stunden im Bett. Mir fällt das Einschlafen unbeschreiblich schwer, wenn Mia nicht bei mir ist. Wie dem auch sei, wenn ich erst einmal in der Schule bin, werde ich schon noch ein wenig Schlaf erhaschen können.
Ein wenig müde trotte ich den schmalen Flur entlang ins Wohn- und Esszimmer. Mutter sitzt in ihrem Sessel, schlürft wie jeden Morgen eine Tasse Kaffee und raucht eine selbst gedrehte Zigarette, während sie auf dem kleinen, schwarzen, schachtelförmigen Ding unter der Decke das aktuelle Tagesgeschehen verfolgt.
„Mann, das sind doch alles Idioten! Die sollen mal lieber gucken, was der kleine Mann macht, anstatt diesen fetten Bonzen noch mehr Kohle ins Maul zu stopfen!“, höre ich sie fluchen. Wie enthusiastisch sie das Geschehen verfolgt und kommentiert lässt mich kurz schmunzeln. Mich interessiert das Tagesgeschehen, wie zu erwarten war, überhaupt nicht. Mir reicht schon das alltägliche Grauen um mich herum, da muss ich mich nicht auch noch mit dem Grauen der restlichen Welt belasten.
Mein älterer Bruder sitzt schon am Tisch. Er ist drei Jahre älter als ich.
Ach, ich bin übrigens 17, genauso alt wie Mia, falls ich das nicht bereits erwähnt habe.
Mit einem leisen „Morgen“ setze ich mich gegenüber meines Bruders an den Tisch und bemühe mich, so wenig Kontakt mit den Beiden zu haben wie möglich, während ich mir schweigend ein Brot mit Marmelade schmiere. Beißender, blauer Rauch hängt wie Nebelschwaden in der Luft.
„Beeil dich, Junge! Du musst zur Schule.“, sagt Ma zu mir in einem strengen Ton und drückt ihren Zigarettenstummel in den überfüllten Aschenbecher auf dem Tisch, um sich unmittelbar danach eine weitere Zigarette zu drehen. Hastig beginne ich zu essen.
Mein Vater ist vor einigen Jahren einfach abgehauen. Ich kann ihn verstehen. Vielleicht sollte ich ihm irgendwann einmal gleichtun.
„Und ich will heute keine Klagen hören, Junge!“, sagt Mama mit erhobenem Zeigefinger und steckt sich die nächste Zigarette zwischen die Mundwinkel. Das kann ich nicht versprechen.
„Also benimm dich!“, fügt sie hinzu und wendet sich wieder dem Tagesgeschehen zu. Ich benehme mich immer. Die Lehrer tun dies allerdings nicht und meine Mitschüler schon gar nicht. Mir ist das alles relativ gleichgültig. Die sollen alle machen was sie wollen. Mia ist das einzig Wichtige in meinem Leben. Es kreist förmlich nur um Mia, genau wie meine Gedanken. Mein Leben ist ein einziger, nicht enden wollender, ewig gleicher Kreislauf, in dessen genauem Mittelpunkt Mia steht und auf mich wartet. Ich will zu ihr. Ich spüre, wie meine Tränendrüsen einen ungeheuren Druck aufbauen, doch ich halte Stand, baue einen Staudamm aus Gedanken davor. Ich darf jetzt nicht in Tränen ausbrechen. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Mama mag Mia nämlich nicht. Sie meint, sie wäre ein schlechter Umgang für mich. Was für ein Schwachsinn.
Nachdem ich das Marmeladenbrot aufgegessen habe, gehe ich mich waschen. Der Spiegel über dem Waschbecken ist zersprungen. Ich sehe mich darin, doch bin ich in verschiedene Einzelteile zersplittert. Irgendwie passend.
„Junge, mach schnell! Es ist schon fünf vor Sieben!“, ruft Mama mir zu und wird kurz darauf von einem heftigen Hustenanfall überwältigt. Mein Bus fährt um zehn nach Sieben an der Bushaltestelle an der Ecke. Als wenn es mich in irgendeiner Weise tangieren würde, pünktlich zur Schule zu kommen.
Mia nimmt einen Bus später, denn sie hat es nicht ganz so weit bis zu ihrer Schule. Sie denkt wahrscheinlich jeden Morgen das Selbe wie ich. Gott, bitte lass den Tag schnell vergehen. Leider bin ich nicht gläubig, aber man kann ja trotzdem mal höflich anfragen, auch wenn ich bezweifle, dass es irgendeinen Nutzen hat. Ich verlasse das kleine, schmierige Badezimmer und schultere im Wohn- und Esszimmer meinen Rucksack, bereit aus dem Haus zu gehen.
„Tschüss.“, brumme ich leise, ohne eine Antwort zu erwarten und gehe hinaus auf die Straße.
 
Zur Schule

 

Andere Leute gehen an mir vorbei, manche munter tratschend in Gruppen, manche still und allein, mit gesenktem Kopf, wie ich. Ich fühle mich unsichtbar und ich mag das Gefühl. Niemand würdigt mich eines Blickes. Ich empfinde diese Tatsache als ungeheuer beruhigend.
Der Weg zur Bushaltestelle ist nicht weit, so habe ich sie bald erreicht. Eine ganze Gruppe Menschen hat sich dort versammelt. Ich stelle mich abseits, wie es sich gehört. Jeder, der hinzukommt, wahrt stets ein paar Meter Abstand zu seinem Nächsten, als würde eine potenzielle Gefahr von ihm ausgehen. Irgendwie traurig, wie wenig Nächstenliebe wir Menschen doch zu geben bereit sind. Und diese vorwurfsvollen Blicke, die man immerzu von den Alten zugeworfen bekommt. Als ob ich nicht in ihr Konzept einer schönen Welt passen würde, nur weil ich nicht so aussehe, wie der kleine Junge auf der Kinder-Riegel-Packung.
Da kommt der Bus. Ich steige ein und wundere mich darüber, wie viele Menschen sich doch in einen Bus quetschen können. Sogar sämtliche Stehplätze sind besetzt, also zwänge ich mich irgendwo am Eingangsbereich in eine Nische und halte mich an einer Stange fest. Mit dem Abstand halten ist es jetzt auch vorbei. Alle Leute von der Bushaltestelle stehen jetzt dicht gedrängt beieinander und versuchen still und verkrampft ihren Platz zu halten. Niemand sagt ein Wort. Ein Blinder würde denken, der vollgestopfte Bus sei komplett leer, so still ist es. Immerhin ein kleines Grüppchen in den hinteren Reihen scheint sich leise zu unterhalten.
Naja, um ehrlich zu sein habe ich nichts gegen diese Ruhe einzuwenden, auch wenn es bei so vielen Menschen schon ein wenig seltsam ist.
Der Bus hält auf seinem Weg ein paar Mal. Leute steigen aus, andere Leute steigen ein. Es wird leerer und lauter. Bevor es zu ungemütlich wird, steige ich aus. Die Schule, zu der ich tagtäglich gezwungen werde, ist nur noch wenige Meter entfernt, die ich zu Fuß hinter mich bringen werde. Ein paar unnatürlich angepflanzte Bäume, die alle in Reih und Glied nebeneinander den Rand des Gehwegs säumen und von hässlichen grauen Stahlgittern umrandet sind, begleiten mich auf meinem Weg. Wofür sind wohl diese Stahlgitter? Sollen sie den Baum vor Vandalismus schützen? Oder soll so sichergestellt werden, dass kein Hund dort seine Notdurft verrichtet? Es fällt mir kein wirklich triftiger Grund ein, der diese Verschandelung von Schönheit rechtfertigen würde, obwohl die Schönheit eigentlich bereits durch die unnatürlichen Positionen der Bäume zueinander zunichte gemacht wird.
Die Schule drängt sich in mein Blickfeld. Allein der Anblick dieses tristen Betongemäuers lässt mich unweigerlich an Erbrochenes denken.
Auf dem Schulhof herrscht wie immer ausgelassene Stimmung. In der einen Ecke wird geprügelt, in der anderen Ecke geraucht, während ein Lehrer seine Runden dreht. Er wirkt fast, als würde er schlafwandeln, so tatenlos und gleichgültig, wie er diesem Treiben zusieht. Auf die Lehrer kann man sich nicht verlassen. Eher hilft dir ein Bettler, wenn du hier in Schwierigkeiten gerätst.
Ich verspüre keinerlei Lust mich dem Treiben auf dem Schulhof anzuschließen, so setze ich mich abseits auf einen kahlen Stein. Jetzt muss ich den Tag überstehen, damit ich anschließend Mia wieder in die Arme schließen kann. Also alles wie immer... Sie hält mich am Leben...
Es klingelt. Die meisten Schüler bewegen sich langsam, mit wenig Begeisterung, auf den Eingang des Schulgebäudes zu. Ein paar Andere rauchen noch oder planen blau zu machen. Blau machen... eine einfache Verweigerung der Pflichten. Wieso mache ich eigentlich nicht auch einfach blau? Wieso gehe ich nicht einfach weg von hier und erspare mir den ganzen uninteressanten Mist, den die Lehrer mir so kläglich einzuprügeln versuchen? Wieso erspare ich mir nicht die Anwesenheit dieser ganzen Idioten um mich herum, die nur noch glücklich sein können, wenn sie anderen Menschen Schmerzen zufügen dürfen?
Es sind bemitleidenswerte Menschen... eigentlich sind wir alle irgendwie bemitleidenswert. Die meisten Leute hier tragen keine Liebe mehr in sich, sind innerlich tot. Letzteres bin ich zwar auch beinahe, doch Liebe werde ich immer übrig haben. Zumindest solange Mia existiert. Und wenn ihre Existenz irgendwann erlischt, so werde auch ich aufhören zu existieren...

Ich schwänze die Schule. Das habe ich noch nie gemacht. Im Nachhinein frage ich mich ernsthaft wieso eigentlich nicht. Ich habe dem Unterricht so oder so nie Beachtung geschenkt.
Der Lehrer sagt etwas, doch ich höre nicht zu. Er weiß nicht wovon er redet. Er glaubt es zu wissen, aber dem ist nicht so. Er will mich nur mit unnützem Wissen vollstopfen und mir eintrichtern wie schlecht doch alles ist. Wobei er mit Letzterem gar nicht mal so falsch liegt.
Wie dem auch sei - das sollte mich jetzt nicht mehr belasten. Ich schlendere zur Bushaltestelle zurück. Der Bus, der mich zu Mias derzeitigem Aufenthaltsort bringt, fährt in etwa einer halben Stunde. Ich habe keine Lust zu warten, doch was bleibt mir anderes übrig? Vorbei am sterilen Baumwuchs setze ich mich also an die Haltestelle und warte.
Der graue Himmel über mir vermittelt den Eindruck, dass es sicherlich bald zu regnen beginnen wird. Ich mag regnerische Tage. Das gleichmäßige Plätschern der Regentropfen vermischt Gefühle der Melancholie und Trauer mit wohltuender Ruhe und Geborgenheit.
 
Klick

Zwei Typen aus meiner Parallelklasse nähern sich der Haltestelle. Höchstwahrscheinlich haben auch sie sich entschlossen zu schwänzen. Ich mag sie nicht. Ich mag die meisten Leute aus meiner Schule nicht. Ich begehre grundsätzlich keine Anwesenheit anderer Personen, die nicht Mia sind, um mich herum.
„Ach, nee. Len! Schwänzt du etwa?“, fragen sie hämisch grinsend, als sie mich erblicken.
„Und wenn schon.“, antworte ich leise. Sie beginnen sich köstlich über mich zu amüsieren.
„Der kleine Schwuchtel Len schwänzt die Schule. Du bist ja ´n ganz Harter geworden, was?“, spotten sie und lachen. Der Eine wirft seine abgebrannte Zigarettenkippe nach mir. Sie landet auf meiner schwarzen Jacke, von wo ich sie reflexartig wieder hinunter katapultiere, bevor sie größeren Schaden anrichten kann. Ich sage keinen Ton. Es würde sowieso nichts bringen.
„Wo geht´s denn hin, Lenniboy?“, wollen sie wissen. Ich verspüre keinerlei Drang ihnen Auskunft zu geben.
„Weiß ich noch nicht.“, erwidere ich knapp.
Der eine Kerl setzt sich neben mich und klopft mir ein paar Mal feste auf den Rücken - für ein freundliches Klopfen nach dem Motto 'Guter Junge' um einiges zu hart. „Ach, Lenniboy. Sei mal nicht so schüchtern, Alter.“
Ich antworte nicht, den Blick gesenkt, als würden sie Ehrfurcht in mir auslösen, was sie keinesfalls tun. Die Typen nerven zwar, aber letztendlich ist mir auch das egal, solange ich gleich zu Mia komme.
Der Kerl neben mir lässt nicht locker und stichelt weiter, während sein Kumpel an der Glasscheibe der Haltestelle lehnt und hin und wieder lacht. „Ach komm, du Vogel. Sag mal was.“
Ich sage nichts mehr. Es ist mir ehrlich gesagt auch ganz egal, was sie über mich sagen oder mit mir anstellen. Es ist eben das Selbe uninteressante Geplänkel wie immer. Der Kerl neben mir hält seine geballte Faust vor mein Gesicht und drückt damit langsam meinen Kopf zur Seite.
„Bestimmt fährst du wieder zu deiner kleinen Schlampe, stimmt´s?“
Ich erhebe meinen Kopf und schaue ihm angespannt in die Augen. Er hat Mia eine Schlampe genannt... Mia ist keine Schlampe. Mich regt es auf, wenn jemand schlecht über Mia redet. Das hat sie nicht verdient.
„Sie ist keine Schlampe.“, sage ich und senke meinen Blick langsam wieder Richtung Boden. Sollen sie doch über mich herziehen, das macht mir gar nichts, aber sie sollen bloß meine Mia in Frieden lassen.
Der Typ neben mir lacht laut und macht Bewegungen wie beim Geschlechtsverkehr. „Ha! Ich hab sie letzte Nacht so krass durchgefickt, Alter. Deine Alte hat geschrien, als würde ihre scheiß Gebärmutter platzen!“
Ich halte inne, meine Augen starr auf die Kiesel zu meinen Füßen gerichtet. Bitte was hat dieser Typ da gerade gesagt? Ich spüre wie meine Hände zu schwitzen und zu zittern beginnen.
Die Beiden lachen sich halb tot. Dann steigt der andere Kerl auch mit ein: „Ja, Mann! Ich war auch dabei. Hab ihr die Scheiße aus dem Arsch gefickt! Deine kleine Nutte war so richtig geil!“
Klick
Ich springe auf und packe diesen Abschaum vor der Glasscheibe am Kopf. „Halt deine scheiß Fresse! Halt deine verfickte Fresse!“, brülle ich, vollkommen vom rasenden Rausch der Wut gepackt, die urplötzlich aus mir heraus bricht, wie ein Vulkan. Ich schüttle dieses Stück Scheiße wie wild hin und her und hämmere seinen Kopf gegen die Glasscheibe. Nach dem dritten Mal zerspringt das Glas und berstende Splitter fliegen durch die Gegend. Mit einem lauten, wütenden Schrei trete ich ihn durch das Loch, welches nun dort klafft. Nach einer äußerst unsanften Landung des Idioten auf hartem Asphalt, übersät von Glassplittern, wende ich mich diesem anderen Scheißkrampf zu, welcher mittlerweile seinen Arsch vom Platz erhoben hat und brüllt: „Was machst du für eine Scheiße?!“
Mein hasserfüllter Blick ruht kurz auf diesem Schwachkopf. Ich atme heftig ein und aus, mein ganzer Körper bebt und ich scheine vor lauter Anspannung bald meine Klamotten zu sprengen. Mit geballten Fäusten springe ich zu ihm hinüber, packe ihn an seiner Jacke und drücke ihn gegen die hintere Scheibe der Haltestelle. Seine Augen zeigen Angst. Mit meinem Kopf ganz nah an dem Seinen, schreie ich: „Niemand! Noch nicht einmal solch ein verdammtes Stück Scheiße wie du! ...Spricht über Mia so wie ihr es getan habt!“
Er wird ganz klein und spricht leise mit zittriger Stimme: „Es.. es tut mir Leid..“
Klack
Ich lasse von ihm ab. Meine Wut legt sich. Das Beben wird schwächer. Der andere Typ rappelt sich auch langsam wieder auf und stöhnt vor Schmerzen. Seine Klamotten und Haare sind bedeckt mit kleinen, funkelnden Glassplittern. Auch blutet er an einigen Stellen, aber augenscheinlich geht es ihm ansonsten noch verhältnismäßig gut. Ein wenig wacklig auf den Beinen murmelt er undeutlich Beleidigungen in sich hinein und klopft sich die Splitter von Hemd und Hose.
Ich setze mich wieder hin und ignoriere die Beiden. Ich hätte nicht so übertreiben dürfen, allerdings bin ich in solchen Momenten einfach nicht Herr meiner Sinne. Wieso erzählen sie auch solch einen Dreck über meine Mia? Ich hasse es, wenn jemand schlecht über sie redet oder ihr gar ein Leid antut. Dann ist es, als würde ein Schalter in mir umgelegt, als würde es in mir 'Klick' machen und ich verliere die Kontrolle.
„Das hat Konsequenzen, du Penner! Warte nur ab!“, rufen sie mir zu, während sie langsam zurück zur Schule humpeln - der Kerl, der durch die Scheibe flog, gestützt von seinem Kumpel. Das diese Sache Konsequenzen haben wird, ist mir durchaus bewusst, denn auf jede Aktion folgt bekanntlich eine Reaktion, folglich hat alles eine Konsequenz. Ich habe allerdings nicht vor, mich weiter damit zu befassen.

Zu Mia

Als der Bus endlich eintrifft, beginnt es zu regnen. Der Bus ist, bis auf zwei einzelne Fahrgäste, gänzlich leer, sodass ich mir meinen Platz frei aussuchen kann. Ich setze mich auf einen der hinteren Plätze und schließe die Augen ein wenig. Ich versuche das wohlige Plätschern der Regentropfen zwischen den Motorgeräuschen des Busses heraus zu filtern. Teilweise gelingt es mir sogar, wodurch ich mich wunderbar entspannen kann.
Die Regentropfen landen auf der Fensterscheibe neben mir und fließen langsam daran hinunter, wie Tränen. Sehnsüchtige Melancholie durchströmt meinen ganzen Körper. Die Mischung aus entspannendem, gleichmäßigen Plätschern und tiefgehender Melancholie ist das, was einen Regentag in meinen Augen so besonders und schön macht.
Ich ringe mit meiner Müdigkeit. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um ins Reich der Träume zu fliehen, denn gleich muss ich auch schon wieder aussteigen, wenn ich zu Mia will.
Der Bus fährt bis dorthin durch, ohne auch nur einmal anzuhalten, aber ich muss die monotone Fahrt dann doch kurz unterbrechen. Schnell steige ich aus und mache mich auf den Weg zu Mias Schule. Sie ist nicht weit von der Haltestelle entfernt, doch genieße ich den Weg so gut es geht. Ich lausche dem gleichmäßigen Plätschern und spüre die kühlen Tropfen, die auf mir landen. Während ich gehe, schließe ich meine Augen und strecke die Arme dem Himmel entgegen. Ich nehme sowohl die traurigen, als auch die wohligen Gefühle, die dieses Wetter mit sich bringt, tief in mich auf. Die verschiedensten Gefühle reichen sich in mir die Hand: Melancholie wechselt zu Geborgenheit und tauscht den Platz mit Trauer, welche in Einsamkeit gehüllt ist. Zusätzlich wärmt der reine Gedanke an Mia mein Herz und erfüllt es mit tiefgreifender Liebe. Ich kann es kaum erwarten sie in meine Arme zu schließen...
Nach ein paar Metern erreiche ich die Schule, in der sich Mia zurzeit aufhält. Anscheinend muss sie gerade im Unterricht sitzen und die Zeit tot schlagen. Ich überlege, ob ich bis zur Pause warten, oder sie sofort irgendwie aus der Klasse holen soll. Ich entschließe mich für Letzteres und schlendere über den leergefegten Hof auf das Schulgebäude zu. Ich husche hinein und orientiere mich an dem Plan, der die Wand zu meiner Linken schmückt. Schnell habe ich ihre Klasse ausgemacht und eile dorthin.
Kurz darauf stehe ich auch schon vor der Tür und presse vorsichtig mein Ohr daran. Ich höre den Lehrer sprechen und vereinzelt ein paar Schüler kichern. Ich muss schlucken. Hinter dieser Tür sitzt mein Leben und wartet auf mich.
Ich öffne sie einen Spalt und blicke auf unbekannte Gesichter. Meine Augen tasten sich langsam voran, schweifen über die Reihen, doch können sie Mia nicht entdecken. Wo ist sie? Dies ist definitiv ihre Klasse, aber sie ist nicht hier. Ich fühle mich plötzlich alles andere als gut. Wie angewurzelt stehe ich im Türrahmen und starre mit leerem Blick in die Runde. Mein Atem wird schwer, nervös ringe ich nach Luft.
Plötzlich wird der Lehrer auf mich aufmerksam und reißt mich aus meiner Starre. „Ja, bitte?“, sagt er in einem unfreundlichen Ton, welchen ich von Lehrern allgemein gewohnt bin.
Überrascht wende ich mich ihm zu und erwidere stockend: „Ähm... Ich suche Mia.“
„Mia? Ich habe keine Ahnung wo sie ist, Junge. Darf ich dich jetzt bitten die Tür hinter dir zu schließen? Danke.“, antwortet die unnütze Lehrkraft genervt. Einige Schüler beginnen zu lachen. Wieso lachen sie?
„Aber das ist doch Mias Klasse, oder?“, frage ich verwirrt.
„Ja. Könntest du jetzt bitte den Raum verlassen? Du störst den Unterricht!“, entgegnet er leicht gereizt.
Meine Nervosität wandelt sich in Entschlossenheit: „Sagen Sie mir wo Mia ist und ich störe nicht länger.“
Der Lehrer rollt entnervt mit den Augen und seufzt: „Sie hat die Klasse vor ein paar Minuten verlassen. Und jetzt möchte ich gerne mit dem Unterricht fortfahren. Danke.“
Wieso hat sie die Klasse verlassen? Ich hoffe doch sehr, dass es ihr gut geht.
Eine Gruppe Schülerinnen links von mir kichert und stiert mich mit Blicken voller Abneigung an. „Was für ein dämlicher Loser bist du denn, dass du dich mit so einer abgibst?“, sagt eine von Ihnen und macht eine abweisende Handbewegung. Mein Blick fokussiert sich auf dieses Mädchen. Sie wirkt gestellt, unschön, mit viel zu viel Schminke im Gesicht.
„Mit so einer.. was?“, will ich wissen.
Als würde ich pure Abscheu in ihr hervorrufen wendet sie den Blick von mir ab und verzieht ihr Gesicht: „Komm, verpiss dich einfach, Typ. Du bist ekelhaft.“
Ich zeige mich verwundert über diese Aussage, verlasse aber die Klasse sofort. Nicht weil es dieses Mädchen gesagt hat, sondern einfach weil ich mich jetzt auf die Suche nach Mia begeben will, anstatt mich weiter auf solch sinnlose Reibereien einzulassen. Ich wundere mich allerdings darüber, inwiefern ich ihr ekelhaft erschienen sein könnte.
Wenigstens hat sie nichts mehr über Mia gesagt. Der Rest soll mir dann auch egal sein...

Erinnerungen

Mia und ich sind schon immer Vorzeige-Außenseiter gewesen. Wir kennen uns bereits seit Kindertagen und immer hatten wir außer uns niemanden. Ihre Eltern sind geschieden und leben getrennt, ständig auf Kriegsfuß miteinander. Mia geriet als Kind oft zwischen die Fronten, welche sich scheinbar stetig verhärteten. Von ihrem frauenfeindlichen Vater wurde sie regelmäßig geschlagen und schwer erniedrigt, bis ihm nach vielen Jahren der Erniedrigung endlich das Sorgerecht entzogen wurde. Mia wohnte fortan bei ihrer Mutter, die allerdings selbst mit ihrem Leben nicht mehr so recht klar kam und ihr diese Tatsache auch immer wieder schmerzlich vor Augen führte. So ist es leider bis zum heutigen Tag geblieben.
Ich, für meinen Teil, habe eine ebenso zerrüttete Familie aufzuweisen. Drei Jahre nach meiner Geburt brachte sich meine große Schwester um, weil sie den Leistungsdruck in der Schule und ihre ständig nur nörgelnde, zu Wutausbrüchen neigende Mutter nicht mehr ausgehalten hat. Vermutlich hat es noch andere Gründe gegeben, welche mir allerdings nicht weiter bekannt sind. Irgendwann ist mein Vater auch einfach nicht mehr nach Hause gekommen, hatte wohl genug von dieser Furie, die da mit uns den Wohnraum teilte. Er ließ mich und meinen drei Jahre älteren Bruder mit unserer Mutter im Stich. Von da an verschlimmerten sich ihre Wutausbrüche. Es fiel uns schwer, sie irgendwie unter Kontrolle zu halten, da sie ständig nur meckerte, herum brüllte oder gar Schlimmeres tat. Mein Bruder hat dann irgendwann angefangen genauso zu werden wie unsere Mutter, vielleicht um sich somit besser schützen zu können. Ebenso ist es heute noch. Ich hatte, im Gegensatz zu meinem Bruder, lediglich das Glück einen Engel wie Mia an meiner Seite zu wissen...
Sie und ich haben nie wirklich Freunde finden können, geschweige denn aufrichtige Liebe oder Zuneigung von anderen Menschen erfahren dürfen, sodass es wahrhaftig eine glückliche Fügung des Schicksals war, die uns beide in so jungen Jahren schon zusammen geführt hat. Die Bedeutung von Liebe lehrten wir uns gegenseitig, da ansonsten ja niemand da war, der uns dieses Gefühl hätte näher bringen können. Wir schenkten uns Zuneigung und Wärme und waren immer, bedingungslos für einander da, auch in den schwersten Zeiten.
Niemals könnte eine Liebe zwischen zwei Menschen stärker und reiner sein als die Unsrige. Niemals.

Nicht unsere Welt

Ich suche Mia. Das gesamte Schulgebäude suche ich nach ihr ab. Wo kann sie nur stecken?
Ich sorge mich um sie, muss mich jedoch geschlagen geben, nachdem ich sämtliche Winkel des Gebäudes vergeblich auf den Kopf gestellt habe.
Bedrückt stoße ich die Hoftür auf und trotte langsam hinaus in den Regen.
Da ist sie! Auf den Stufen neben dem Eingang sitzt sie und weint. Ich bin überglücklich sie gefunden zu haben und gleichzeitig bereitet es mir tiefe Schmerzen, sie so zu sehen. Behutsam lege ich meine Hand auf ihren Rücken. Sie erschrickt leicht und dreht sich zu mir um. Ich blicke in ihr verweintes, tränen-überströmtes Gesicht, die Augen schon ganz rot. Sofort springt sie mir in die Arme und weint sich an meiner Schulter weiter aus. Ich spüre ihre Tränen an meiner Wange, welche sich sanft an die Ihre schmiegt, und streichle ihr beruhigend über den Rücken. Sie wirkt so zerbrechlich in meinen Armen. Fest drückt sie sich an mich, ich halte sie, werde sie vor Allem beschützen. Mein Engel, meine Liebe, mein Leben.
Warum weint sie bloß so? Tränen des Mitgefühls schießen aus meinen Augen hervor und vermischen sich mit den Ihren. Gemeinsam weinen wir, während um uns herum der prasselnde Regen hernieder fällt. Sie weint so heftig, dass ich wirklich Angst um sie habe. Ich weiß, dass sie suizidgefährdet ist und ohne mich in ihrem Leben allein dastehen würde. Deshalb bedeute ich ihr unbeschreiblich viel, genauso viel wie sie auch mir bedeutet. Ich bin der Einzige den sie hat, der sich um sie sorgt, sich um sie kümmert. Meine Liebe zu ihr ist grenzenlos...
Sie hört nicht auf zu weinen, jedoch scheint sie sich langsam wieder zu fangen. Vorsichtig frage ich, was denn passiert ist. Wimmernd erzählt sie mir, dass sie von ihren Mitschülern permanent ausgelacht und beschimpft wurde, und dass sogar ihr Lehrer bei diesem Treiben wohlwollend mitgemacht habe. Immerzu muss sie sich anhören, dass sie nichts kann, dumm und hässlich ist, und dass aus ihr sowieso niemals etwas werden wird. Solcherlei Dinge musste sie sich bereits ihr ganzes Leben lang fortwährend anhören, sei es nun von ihrem Vater, von ihren Lehrern oder von wem auch immer. Irgendwann beginnt man ihnen selbst zu glauben, obgleich man es eigentlich besser wissen sollte. Ich kenne den frustrierenden Schmerz, den dies mit sich bringt, nur allzu gut.
Niemand erkennt ihre schlichte Schönheit, niemand blickt durch ihren bleichen Schleier, niemand liebt sie. Niemand außer mir.
Mein Hass gegenüber den anderen Menschen wächst beständig. Schmerzender Zorn, der die Zeichen einer Ohnmacht trägt. Wir gehören nicht hierher. Dies ist nicht unsere Welt. Gegen unseren Willen hinein geboren, allein gelassen und verzweifelt. Ich will mit ihr dieser trostlosen Welt entfliehen...
Viel zu lange schon haben wir versucht uns unterzuordnen, uns den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Ich will es nicht. Ich wollte es nie, doch schien es keinerlei Alternative zu geben. Die einzige Möglichkeit ist, uns selbst eine Alternative zu schaffen...

Liebe

„Lass uns weg von hier.“, flüstere ich in ihr Ohr. Flüchtig wischt sie sich ein paar Tränen von den Wangen und schluchzt ungläubig: „Wohin denn?“
„Irgendwohin. Weit weg.“ Ich spreche ganz leise. Mein Kopf ruht auf ihrer Schulter, so wie ihrer auf der Meinen ruht. Meine Augen sind geschlossen. Behutsam streichle ich über ihren Rücken. Ihr Schluchzen wird leiser. Ein wohliges Gefühl der Entspannung macht sich in uns breit und lässt uns langsam zu Boden sinken. Wir lassen uns nicht los. Am liebsten niemals wieder.
Ehe ich mich versehe, lehne ich sitzend an der Wand des Schulgebäudes. Dieser Bereich ist überdacht, sodass wir den unaufhörlich nieder prasselnden Regen hören und sehen, aber nicht fühlen können. Allein das Geräusch wirkt auf uns sichtlich entspannend, beinahe einschläfernd. Mit geschlossenen Augen liegt sie in meinen Armen und atmet nun ruhig, hin und wieder noch von kurzen Schluchzern unterbrochen. Ich spüre ihren Atem auf meinem Arm, angenehm wie eine warme Brise. Ihre Wangen sind ganz rot vor Aufregung. Richtig süß sieht sie aus mit ihren knallroten Bäckchen. Zärtlich gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange. Sie ist ganz heiß. Es gelingt mir, ihr damit ein kleines Lächeln zu entlocken. Ich fühle mich, als wäre ich schon längst nicht mehr auf diesem Planeten, sondern bereits weit fort von hier. Alles wirkt so leicht, beinahe schwerelos. Sanft streichle ich über ihre Wange und streiche ihr die zerzausten Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich liebe dich, Mia.“, flüstere ich. „Ich brauche dich.“
Sie öffnet die Augen, hebt ihren Kopf und küsst mich. Alles um mich herum wirkt wie ausgeblendet. Mit Ausnahme von Mia scheinen meine Sinne nichts mehr wahrzunehmen.
Sie schaut mir einen Moment lang schweigend in die Augen und spricht dann zögerlich mit gedämpfter Stimme: „Du bedeutest mir einfach zu viel... Ich kann meine Gefühle für dich kaum in Worte fassen...“
Kein Wort könnte diese Gefühle angemessen beschreiben, welche wir uns in der Lage sind zu geben. Es ist auch gar nicht notwendig. Ihre Gestik spricht für sich. Sie lächelt, während ein paar Tränchen ihre Wangen hinunter kullern. Dies sind keine Tränen des Schmerzes, sondern Zeichen puren Glückes und ehrlicher Zuneigung. Der Unterschied ist klar ersichtlich.
„Du musst deine Gefühle nicht in Worte fassen... es reicht, wenn du sie zeigst.“, erwidere ich. „Und das tust du in jedem Moment.“
Mit einem zufriedenen Lächeln legt sie ihren Kopf wieder auf meinen Bauch und schließt die Augen. „Ich liebe dich... mehr als alles andere...“, sagt sie leise, umfasst meine Taille mit einem Arm und streichelt sanft über meinen Rücken.
Müdigkeit überkommt uns. Wir haben in der vergangenen Nacht auch kaum geschlafen, lediglich ein wenig unter der Eiche geschlummert. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck schließe auch ich die Augen und lehne meinen Kopf gegen die Wand hinter mir. Wohlbefinden durchströmt meinen Körper und lässt mich alles um mich herum vergessen. Während ich den Klängen des fallenden Regens lausche und Mia sanft über den Arm streichle, schlummere ich langsam ein...

Regenpause

Ein penetrantes Klingeln reißt mich unsanft aus meinem Traum und macht mich auf die Tatsache aufmerksam, dass wir uns noch immer vor der Schule befinden. Mia reißt auch ein wenig verschreckt die Augen auf. „Ich habe ganz vergessen, dass wir immer noch hier sind.“, stellt sie überrascht fest.
„Ich auch. Wir sollten von hier verschwinden.“, schlage ich vor.
Liebevoll gibt sie mir einen Kuss und steht langsam wieder auf. Ich strecke mich und gähne verschlafen. Sie reicht mir ihre Hand und hilft mir auf.
Die große Uhr an der Wand über mir verrät die aktuelle Uhrzeit: Halb zehn. Das bedeutet, dass nun Hofpause auf dem Plan steht, allerdings ist bei diesem verregneten Wetter wohl eher mit einer Regenpause zu rechnen, welche die meisten Schüler und Lehrer standesgemäß innerhalb der Schule verbringen. Nur die Nikotin-Junkies werden sich wahrscheinlich hinaus wagen.
„Ha! Hängt hier nichtsnutzig rum und kuschelt mit ihrem Freund! Ich glaub ich seh nicht recht!“
Es ist Mias Lehrer, welcher überraschend in der Tür steht und uns grantig an blökt. „Du kommst jetzt sofort wieder in deine Klasse zurück, Mia, sonst kannst du dich auf mächtigen Ärger gefasst machen!“
Zornig schaut er mich an, richtet seinen Zeigefinger auf mich und schimpft: „Und Sie verlassen jetzt sofort das Schulgelände! Sie haben hier nichts zu suchen!“
Erschrocken blickt Mia mir in die Augen, sodass ich deutlich erkennen kann, dass sie Angst hat.
„Sie wird nicht mehr zurück in die Klasse kommen.“, sage ich zu ihrer Verteidigung.
„Sie haben hier gar nichts zu entscheiden, also halten Sie besser den Mund! Mia, du kommst sofort wieder rein, oder es gibt eine Konferenz mit dem Direktor!“, droht der Lehrer und fuchtelt wild mit seinem Zeigefinger herum.
Nun ergreift Mia, mit zurückhaltender, schwacher Stimme, das Wort: „Ich werde nicht mehr rein kommen...“
Ich merke, dass sie den Tränen nahe ist. Sie ist ziemlich sensibel, aber ich mag diese Emotionalität an ihr.
„Das wird mir hier allmählich zu blöd!“, keift der Lehrer, kommt ein paar Schritte auf uns zu und packt Mia grob am Arm. „Du kommst jetzt mit rein, verdammt nochmal!“
Was zum Teufel soll das? Er versucht sie gegen ihren Willen ins Gebäude zu zerren! Sie wehrt sich und versucht sich vergeblich aus seinem Griff zu lösen. Tränen fließen ihre Wangen hinab. Sie schreit!
Klick
Dieser verdammte, störrische Lackaffe!
„Lass sie los!“, brülle ich und schlage unkontrolliert auf den Arm ein, mit dem er Mia festhält. Überrascht lockert er seinen Griff, wodurch sich Mia befreien und zurück weichen kann. Ich beobachte den entsetzten Gesichtsausdruck dieses dreckigen Arschlochs, als meine Faust direkt auf sein Gesicht zu donnert. Mit voller Wucht trifft sie ihr Ziel und lässt ihn leicht benebelt nach hinten taumeln. Hasserfüllt setze ich zu einem Tritt in seine Magengegend an, der ihn endgültig außer Gefecht setzen wird.
„Len! Es ist gut!“
Klack
Mia. Sie steht hinter mir. Ich drehe mich zu ihr um und nehme sie in den Arm. Der Lehrer hält eine Hand vor sein Gesicht, stößt hektisch die Tür zum Gebäude auf und stürzt hinein. Offensichtlich blutet er aus der Nase.
„Len...“, zischelt mir Mia ins Ohr. „Danke...“
Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich den Mann womöglich ernsthaft verletzt habe, oder sogar noch ernsthafter verletzt hätte, wenn sie mich nicht durch ihr Rufen davon abgehalten hätte. Es war, als hätte ich mich in einem absoluten Adrenalin-Rausch befunden, wobei ich mich selbst kaum kontrollieren konnte. Derart heftige Ausbrüche purer Aggression meinerseits erlebe ich hin und wieder, allerdings endeten sie bisher meist noch glimpflich. Bis auf die ein oder andere Anzeige wegen Körperverletzung, die grundsätzlich auf vorige Angriffe gegen Mia zurück zu führen war, habe ich mir noch nichts weiter zu Schulden kommen lassen. Wenn es um Mia geht, bin ich nun mal sehr leicht aus der Fassung zu bringen. Da verstehe ich auch keinen Spaß. Sie ist mein wunder Punkt, meine emotionale Schwachstelle.
„Lass uns gehen.“, schlage ich vor. Mia nickt.
Plötzlich wird die Tür erneut aufgerissen. Mias Lehrer, der sich ein in Blut getränktes Stofftuch vor die Nase hält, und ein anderer, zornig drein blickender Mann mit breitem Kreuz. Unsere Blicke treffen sich, ein kurzer Moment bedrohlicher Stille folgt.
Dann deutet der Lehrer auf mich und ruft: „Der da!“
Der andere Mann setzt sich sofort in Bewegung, läuft schnurstracks auf uns zu. Reflexartig greife ich nach Mias Hand und renne.
Ich renne unkontrolliert und schnell, getrieben vom Adrenalin, welches durch die drohende Gefahr in meinem Körper freigesetzt wird. Mia hat sichtlich Mühe sich auf den Beinen zu halten und nicht hin zu fallen. „Len! Ich kann nicht so schnell!“, schreit sie.
Ich drossele mein Tempo etwas und höre den Mann hinter uns brüllen: „Bleibt stehen, verdammt nochmal!“
Wir bleiben nicht stehen. Die Grenzen des Schulhofs ziehen an uns vorüber. Weiter geht´s auf dem Gehweg. Der Regen peitscht mir mahnend ins Gesicht, sodass ich die Augen zu kneifen muss. Wir rennen. Die Flucht ist beschlossene Sache. Nicht nur die Flucht vor diesem Mann, der uns da an den Fersen klebt, sondern die Flucht vor unserem ganzen bisherigen Leben.
Vorbei an grauen Betonmauern, Kothaufen und von Stahlgittern umzäunten Bäumchen rennen wir der Sonne entgegen. Wie im Flug rauscht das Leben an uns vorbei.
Nach der zweiten Biegung bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob uns der Mann überhaupt noch verfolgt. Ich glaube nicht. Trotzdem rennen wir. Ununterbrochen, immer weiter und weiter, als würde uns jemand mit einer Peitsche antreiben.
Wohin mag uns der Wind wohl tragen?

Der Bus zurück

Der Wind vermag uns leider nur noch bis zur überdachten Bushaltestelle um die Ecke zu tragen. Dann verlassen sowohl ihn, als auch uns die Kräfte. Nach Luft schnappend lassen wir uns auf die kalten, braunen Gittersitze an der Haltestelle fallen. Heftig atmend treffen sich unsere Blicke. Wir müssen lachen. Ich weiß selbst nicht so genau warum eigentlich, das Ganze kann sich aber einer gewissen Situationskomik nicht entziehen.
„Wir sind ganz schön weit gerannt.“, stellt sie mit einem Lächeln fest.
Sie hat recht. Der Mann war nicht sonderlich schnell zu Fuß und hat uns wahrscheinlich bereits nach der ersten Biegung aus den Augen verloren. Trotz dessen sind wir noch geschätzte fünf Blocks weiter gerannt, wonach unsere Erschöpfung nicht weiter verwunderlich ist.
Außerdem sind wir von oben bis unten klitschnass, als wären wir bis hierher geschwommen. Wie ein begossener Pudel sitzt sie da und strahlt mich an. Ich strahle zurück. Selbst so durchnässt ist sie einfach nur bezaubernd. Es ist, als würde eine magische Aura von ihr ausgehen, die mich dazu auffordert, sie in den Arm zu nehmen und lieb zu haben. Ich gebe dem gerne nach.
Meine Lippen berühren ganz zärtlich, fast vorsichtig, ihre Lippen. Ein Kuss voller Emotionen, doch so sanft und zart wie Seide.

Der Bus fährt vor und lässt uns ein. Nach einem kurzen Wink mit unseren Schülertickets, der von dem schlaff im Sitz hängenden, übergewichtigen Busfahrer scheinbar kaum wahrgenommen wird, lassen wir uns in einem der freien Doppelsitze in der Mitte des Busses nieder. Der Busfahrer wirkt auf mich, als hätte er Beruhigungsmittel oder irgendwelche Drogen genommen, so teilnahmslos wie er den Bus in der Spur hält. Scheinbar bekommt er aber noch genug mit, um bei jeder Haltestelle anzuhalten, ob da nun jemand ein- oder aussteigen will oder nicht.
Hinter uns im Vierer-Sitz wird gelacht und geschimpft. Eine Gruppe Jugendlicher hat dort Platz genommen - eine Gruppe, die sich offensichtlich für unvorstellbar cool hält. Sie beleidigen sich gegenseitig um die Wette und lachen sich dabei halb tot. Ich spüre die verächtlichen Blicke, die sie uns zuwerfen, ohne hinzusehen.
Ich halte Mias Hand. Sie schaut aus dem Fenster auf die regennasse Straße, wo schwarze Regenschirme aufploppen, wie auf einer verregneten Totenfeier. Wir sind gleich da.
Hinter uns wird herzhaft gelacht. „Diese kleinen Vögel.“, sagt einer und ich bin mir sicher, dass sie uns meinen. Vögel sind hübsche Tiere, die singen und fliegen können. Ich bin mir also nicht ganz sicher, ob sie uns damit wirklich beleidigen wollten.
Plötzlich sehe ich, wie einer von diesen Idioten seine Hand zwischen die Sitze hindurch steckt und Mia hinterrücks sein Kaugummi an die Jacke klebt. Wieder folgt heiteres Lachen.
Mia dreht sich zu mir um, blickt kurz auf das klebrige Kaugummi an ihrem Ärmel und schaut mir anschließend mit tief-traurigem Blick in die Augen. Mit leisem, kaum verständlichem Stimmchen äußert sie: „Warum machen die sowas?“
Wieder ist sie den Tränen nahe. Es tut mir so verdammt weh, wenn ich sie so sehen muss. Da verspüre ich das einnehmende Bedürfnis alle umzubringen. Alle! Aber ich beherrsche mich... bin ganz ruhig.
Ich beginne das Kaugummi von ihrem Ärmel zu kratzen. Schweigend. Wieder höre ich das Lachen und die lästernden Rufe. Scheiß Proleten! Wäre dies hier ein schlechter Film, würde ich ihnen jetzt dieses Stück Kaugummi in ihren Rachen stopfen, auf dass sie qualvoll daran ersticken! Ich beherrsche mich.
„Scheiß Pussi! Dafür, dass er dir das Kaugummi abkratzt, musst du ihm aber gleich schön einen blasen, klar?“, prustet einer.
Das reicht. Ich erhebe mich von meinem Sitz und schaue hasserfüllt zu den Typen hinüber. „Was zur Hölle wollt ihr eigentlich von uns, ihr Penner?! Lasst euren scheiß Frust an jemand anderem aus, verdammt!“ Ich stehe knapp vor einem erneuten Kontrollverlust.
Überraschend packt mich Mia am Arm und zieht mich nach vorne, bis zur Bustür. „Wir sind da, Len.“
„Jetzt hauste ab, du Lusche, was?! Feige Sau! Erst aufmucken und dann abhauen!“, rufen sie mir hinterher. Mein Blick haftet auf diesem Trupp entsetzlich dummer Vollidioten, während der Bus anhält und Mia mich hinaus zerrt.
Die Türen schließen sich hinter uns wieder und der Bus fährt weiter. Die Typen machen irgendwelche Faxen und zeigen ihre Mittelfinger. Ich verstehe es nicht. Die kannten uns noch nicht einmal und trotzdem behandelten sie uns, als seien wir der Dreck unter ihren Fingernägeln.
Alle Beteiligten haben verdammtes Glück gehabt, dass es diesmal nicht zur Eskalation gekommen ist. Vielleicht läge ich jetzt gekrümmt vor Schmerzen in der Ecke des Busses, während hunderte Fußtritte ununterbrochen gegen meine Rippen donnern würden. In der Gruppe werden solche Weicheier schnell stark. Vielleicht wäre es aber auch genau andersherum gewesen...

Vertraute Pfade

Wir befinden uns wieder in den vertrauten, aber verhassten Gassen unseres Heimatkaffs.
Mia geht es anscheinend nicht sonderlich gut. Sie hat offensichtlich schwer am gerade Geschehenen zu knabbern, was ich ihr durchaus nachempfinden kann. Bei ihr rufen solche Situationen zumeist tiefste Depressionen hervor, während sich in mir durch so etwas stetig mehr Hass ansammelt.
Die Bushaltestelle hier ist nicht überdacht und so stehen wir schutzlos im Regen. Hartnäckige Kaugummireste kleben am Ärmel ihrer Jacke. Ich habe sie nicht komplett entfernen können.
„Bin ich wirklich so verabscheuungswürdig?“, fragt sie mich traurig, den Blick Richtung Boden gewandt.
„Das meinst du doch nicht ernst, oder? Lass dir sowas ja nicht einreden! Du bist wunderschön, das weißt du!“, entgegne ich. Sie ist in der Tat wunderschön, doch scheint sie dies auch nicht wirklich aufzubauen. „Hey...“
Vorsichtig hebe ich ihren Kopf etwas, sodass ich ihr in die Augen schauen kann. Zärtlich gebe ich ihr einen Kuss. Einen langen, intensiven Kuss voller Leidenschaft und Liebe.
Der Regen fällt unaufhörlich und durchnässt uns vollkommen.
„Mir ist kalt.“, sagt sie leise, nachdem sich unsere Lippen wieder voneinander gelöst haben. Sie zittert.
„Lass uns in den Wald gehen. In der Höhle können wir uns aufwärmen.“, schlage ich vor und stoße auf volle Zustimmung.
Hand in Hand stapfen wir durch den Regen. Vorbei an hunderten Pfützen, welche sich in jeder noch so kleinen Unebenheit des Bodens gebildet haben. Vorbei an hunderten kleinen Flüssen, Bächen und Weihern.
Bestürzt bemerke ich, dass Mia weint. Ihre Tränen vermischen sich mit den Regentropfen auf ihrem Gesicht. „Mia...“, beginne ich, löse meine Hand von Ihrer und lege meinen Arm um sie, ohne stehen zu bleiben. „Es wird alles gut, das verspreche ich dir. Ich lasse nicht zu, dass dir nochmal jemand weh tut. Bitte... hör auf zu weinen, mein Engel.“
Ich drücke sie ein wenig an mich und küsse sie seitlich auf die Stirn.
Ohne auf zu schauen erwidert sie schluchzend, mit zittriger Stimme: „Ich weiß... ich... ich will nur... weg von hier... alles ist so... so...“
„Shhh“ Ich versuche sie zu beruhigen. „Wir sind ja gleich in Sicherheit. Da kannst du dich ausruhen und aufwärmen.“
Sie wimmert und zittert. Ihr muss wirklich eiskalt sein. Ich würde ihr ja meine Jacke anbieten, aber die ist mindestens ebenso durchnässt und kalt wie Ihre.
Sie sieht nicht, dass mir ebenfalls ein paar Tränen entweichen, da sie sich sofort mit dem Regen vermischen. Ihr Anblick lässt mich in tiefer Trauer versinken. So habe ich sie schon lange nicht mehr sehen müssen.
Der Wald liegt vor uns. Unauffällig biegen wir vom rechten Weg ab, hinein ins Dickicht. Dieser Weg ist für uns schon beinahe alltäglich geworden und birgt jede Menge positive Erinnerungen. Fast jede einzelne Nacht fielen wir uns inmitten des dichten Waldes überglücklich in die Arme und waren froh, wenigstens die dunklen Stunden ungestört miteinander verbringen zu können, wenn wir schon tagsüber generell voneinander getrennt existieren mussten. Niemand außer uns wusste von unseren nächtlichen Treffen im Wald. Alle Angehörigen der Familie sind von jeher gegen unsere Liebschaft gewesen. Ihnen allen wäre es immer schon lieber gewesen, wenn wir uns niemals begegnet wären. Wir, die Kinder, waren scheinbar Dreh- und Angelpunkt ihrer familiären Differenzen. Meine Mutter hasst Mias Mutter und demzufolge auch Mia. Warum auch immer. Meine Mutter hasst sowieso die ganze Welt, was ich im Grunde genommen aber noch am ehesten nachvollziehen kann. Doch warum ich und Mia uns nicht mehr sehen dürften, ginge es nach unseren Familien, ist mir noch immer ein Rätsel und wird es wahrscheinlich auch ewig bleiben.

Zuflucht

Wir erreichen die kleine Höhle, welche wir zu unserem heimlichen Versteck, unserer geheimen Zuflucht auserkoren haben. Größere Tiere werden sich höchstwahrscheinlich keine in die Höhle zurückgezogen haben. Die gibt es nämlich, dank des ortsansässigen Jägerverbundes, nur noch in arg begrenzter Zahl in diesem Wald, wenn überhaupt. Früher lebten hier einmal Tiere. Wölfe vielleicht, oder Wildschweine. Die sind aber schon längst fort. Entweder hängen sie bei irgendeinem Jäger als zweifelhafte Trophäe im Wohnzimmer oder sie sind von hier geflüchtet... in andere, friedlichere Wälder, falls es die überhaupt gibt. Hinterlassen haben sie jedenfalls diesen natürlichen Schlupfwinkel, gegraben am Fuße eines kleinen Hügels, vor dessen Eingang wir uns nun befinden. Pflanzen aller Art haben den Platz überwuchert. Achtsam schiebe ich ein paar Schlingpflanzen zur Seite, sodass wir schnell hinein schlüpfen können.
Die kleine Höhle ist geräumiger, als es von außen den Anschein hat und alles im Inneren ist tatsächlich noch so, wie wir sie nach dem letzten nächtlichen Schauer verlassen haben, der bereits ein paar Tage zurück liegt.
Mia torkelt zur hinteren Wand aus fester Erde und bricht dort schluchzend und bibbernd zusammen. Ihre Lippen haben eine leicht bläuliche Farbe angenommen. Kein gutes Zeichen. Panisch stürze ich zu ihr hinüber.
„Mia! Was ist mit dir?“, rufe ich aufgebracht und schüttle sie ein wenig.
„Mir... mir ist eiskalt...“, erklärt sie zitternd.
„Du solltest die nassen Sachen ausziehen.“, schlage ich vor.
Sie nickt kurz und beginnt dann langsam ihre Jacke auf zu knöpfen.
Unsere Jacken konnten dem heftigen Regen nicht lange Widerstand leisten. Meine Klamotten scheinen mittlerweile schon eine geschätzte Tonne zu wiegen und Ihre müssen mindestens genauso schwer und kalt am Körper kleben.
Ich entschließe mich dazu, mich ebenfalls meiner durchnässten Klamotten zu entledigen, ziehe schnell Jacke und Hemd aus, knülle sie zusammen wie ein Blatt Papier und werfe sie in eine Ecke. Meine Schuhe erwecken unterdessen den Eindruck, als wäre in ihnen ein kleines Schwimmbad eröffnet worden, weshalb ich mich eilig auch derer entledige und sie, gefolgt von meiner ebenso durchnässten Hose, in die Ecke pfeffere.
„Ich mache Feuer.“, entscheide ich und fege schnell die verbliebenen Überreste unseres letzten Feuers mit dem Fuß hinaus in den Regen. In einer anderen Ecke habe ich ein paar Äste und Stöcke gestapelt, die uns als Feuerholz an solch verregneten Tagen und Nächten dienen sollten. Praktischerweise mangelt es uns auch nicht an Streichhölzern, die ich vor einer Weile aus unserem Haus entwendet und hierher geschleppt habe.
Vorsichtig staple ich ein paar Hölzer links neben dem Eingang auf und gebe Acht, dass sie nicht von den Tropfen, die im Sekundentakt von meinem nassen Haupt zu Boden segeln, getroffen werden. Das Feuer soll ja gleich eine Weile brennen und nicht durch die Feuchtigkeit sofort wieder erlischen.
„Geht es?“, erkundige ich mich und sorge mich ein wenig um Mias körperliche Verfassung.
„Ja... es... es geht schon... danke.“, erwidert sie leise.
Ich entzünde eines der Streichhölzer und versuche damit vorsichtig das Feuerholz in Brand zu stecken. Die ersten beiden Streichhölzer brennen zu schnell herab, als dass sie das Holz entzünden könnten, doch mit dem dritten klappt es dann schließlich doch.
Die aufflackernden Flammen tauchen den Schlupfwinkel in ein angenehmes, orangefarbenes Licht und strahlen wohltuende Wärme aus. Es ist Zeit zur Ruhe zu kommen... hier wird uns niemand stören...
Mia hat sich mittlerweile auch ihrer durchnässten Kleidung entledigt und kauert frierend am Boden. Ich lege mich zu ihr. Sacht streiche ich durch ihr nasses Haar und gebe ihr einen sanften Kuss, um sie zu beruhigen. „Es ist gut. Wir sind in Sicherheit. Hier wird uns niemand stören.“
Sie zittert in meinen Armen und beginnt wieder zu weinen. Behutsam drücke ich sie an mich und lasse es zu. Weine dich nur aus, mein Engel. Ich werde nicht von deiner Seite weichen.
„Ich bin bei dir... Ich werde immer bei dir sein...“, flüstere ich.
Mia weint und wimmert noch eine ganze Weile in meinen Armen. Die angenehme Wärme der Flammen im Rücken und das gleichmäßige Knistern der brennenden Hölzer im Ohr scheinen sie aber allmählich zur Ruhe kommen zu lassen. Gedankenverloren starrt sie ins Leere.
„Ich... ich will nicht mehr leben...“, stottert sie leise.
Vorsichtig drücke ich sie ein wenig fester an mich.
„Bitte sag nicht sowas...“, erwidere ich flüsternd.
Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass ihr nach all dem, was sie in ihrem kurzen Leben bisher schon durchmachen musste, die Lust am Weiterleben verloren gegangen ist. Ich ringe ja selbst oft genug mit meinem Überlebenswillen, doch die bloße Anwesenheit Mias und der einnehmende Gedanke an sie lassen mich noch immer an dieser Welt festhalten.
„Es... es tut mir Leid... Len... ich... ich kann nicht mehr... ich kann einfach nicht mehr...“, bringt sie mit zittriger Stimme hervor. Sie steht kurz davor erneut in Tränen auszubrechen.
„Aber was soll ich denn ohne dich tun?“, frage ich ruhig.
Sie überlegt einen Moment und antwortet dann wieder etwas gefasster: „Len... ich liebe dich... aber wünschst du dir nicht manchmal einfach... tot zu sein?“
Ich blicke in ihr ausgemergeltes Gesicht, erwidere ihren traurigen Blick. „Nicht, solange du bei mir bist.“
Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihre Lippen. „Es tut mir Leid.“, sagt sie.
„Das muss es nicht. Ich kann dich ja verstehen.“, entgegne ich.
Zärtlich gibt sie mir einen Kuss und schmiegt sich an mich. Ich habe sie offensichtlich ein wenig beruhigen können.
Eine Weile liegen wir nur so da, ganz still und nachdenklich, dem Knistern des Feuers und dem prasselnden Regen draußen lauschend.
Dann bricht Mia schließlich das Schweigen: „Meintest du das eigentlich ernst, was du vorhin gesagt hast?“
„Was meinst du?“
„Dass wir einfach von hier abhauen sollten.“
„Natürlich.“
Sie nickt flüchtig und scheint dann kurz über die Möglichkeiten nachzudenken.
Ich erzähle ihr, wie ich mir das vorstelle: „Wenn es aufgehört hat zu regnen gehen wir nach Hause und packen ein paar Vorräte zusammen, mit denen wir dann einfach irgendwohin aufbrechen und zusammen ein neues, vielleicht ein wenig schöneres Leben beginnen.“
Einige Sekunden Stille folgen, die sie offensichtlich nutzt, um noch ein wenig über meine tollkühne Idee nachzugrübeln.
„Hört sich ja ganz schön abenteuerlich an, aber eigentlich ist es gänzlich egal wo wir landen. Alles ist besser, als das Leben hier.“, sagt sie schließlich.
„So sehe ich das auch.“, erwidere ich.
Es ist nicht abzusehen wann es zu regnen aufhört, so kuscheln wir noch etwas und lassen uns vom Feuer wärmen.
Um ehrlich zu sein habe ich mir bisher noch kaum klare Gedanken über unsere bevorstehende Flucht aus diesem kläglichen Grauen des Alltags gemacht. Wir ziehen es einfach durch, ziehen einfach los ohne ein genaues Ziel vor Augen zu haben. Der Weg ist unser Ziel. Und wer weiß - vielleicht führt es uns ja tatsächlich in ein besseres Leben...

Daheim bei Mia

Es dauert ein paar Stunden bis der heftige Regenschauer schließlich nachlässt. Mittlerweile haben wir uns gut aufgewärmt und ausgeruht. Mia schlummert noch ein wenig, als ich mich achtsam aus ihren umschlungenen Armen befreie, um nach unseren Klamotten zu sehen. Sie sind, wie zu erwarten war, noch immer durchnässt, doch wenigstens sind sie durch das nahe Feuer nicht mehr ganz so klamm.
Ich schnappe mir meine Hose und schlüpfe wieder hinein. Mia öffnet die Augen einen Spalt und blinzelt mir zu.
„Gut geschlafen?“, erkundige ich mich.
Sie nickt, gähnt und streckt sich verschlafen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und gebe ihr einen Kuss.
„Wollen wir?“, frage ich anschließend und ziehe mir den Rest meiner verdreckten und durchweichten Klamotten an, bevor ich hinaus ins Freie trete, wo die Vögel nach dem Regenschauer wieder vergnügt im fahlen Sonnenlicht vor sich hin trällern.
Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, dürfte es mittlerweile schon spät am Nachmittag sein. Wir sollten wohl bereits seit geraumer Zeit zuhause sein. Hoffentlich gibt es für meine Mutter keinen Grund wütend zu werden.
Mia tritt neben mich und schlüpft gerade noch in ihre durchnässte, aber angenehm aufgewärmte Jacke.
„Geht es dir wieder etwas besser?“, erkundige ich mich.
Sie nickt kurz, lächelt mir zu und nimmt mich in den Arm.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen wie froh ich bin dich zu haben...“, sagt sie und erdrückt mich beinahe vor Liebe. Ich erwidere ihre Zuneigung und kann es mir sehr wohl vorstellen, denn ich fühle genauso.
Hand in Hand lassen wir den Wald hinter uns und laufen die Straße hinunter bis zur Kreuzung. Wir entschließen uns dazu, zunächst zu Mia nach Hause zu gehen und einige Sachen zusammenzupacken, bevor wir den Weg zu mir einschlagen, um dort noch ein paar Dinge mitzunehmen.
Sie muss klingeln, denn sie hat keinen Schlüssel.
Eine alt wirkende, ungepflegte Frau im Nachthemd, welches den Eindruck erweckt, als würde sie es schon mindestens eine Woche lang ununterbrochen tragen, öffnet.
„Mia. Du bist spät.“, sagt sie mit gebrechlichem Stimmchen.
„Ich weiß, Mama. Tut mir Leid.“, antwortet Mia.
Ihre Mutter scheint mich gar nicht richtig wahrzunehmen, blickt nur beständig deprimiert drein, als wäre sie völlig in ihrer eigenen Welt versunken.
Sie nickt kurz, macht mit gesenktem Kopf kehrt und trottet wieder hinein, gefolgt von Mia und mir. Ich schließe die Tür hinter uns und beobachte, wie sie sich in einen alten, süffigen Sessel fallen lässt und geistesabwesend auf den laufenden Fernseher starrt. Nicht nur Mia hat unter den Demütigungen ihres Vaters leiden müssen. Auch ihre Mutter wirkt schwer davon gezeichnet.
Ich folge Mia nach hinten in ihr Zimmer. Es ist ziemlich klein und eng und ist möbliert mit einem Bett, einem schmalen Kleiderschrank und einem Holztisch mitsamt Stuhl. Akuter Platzmangel macht sich breit.
Ich setze mich aufs Bett, während sie einen matt-grünlichen Stoffrucksack aus ihrem Kleiderschrank fischt und ihn mit ein paar Kleidungsstücken füllt. Dann tauscht sie schließlich auch ihre aktuellen, verdreckten Klamotten gegen ein paar neue. Anschließend öffnet sie die Sparbüchse auf dem Tisch und lässt deren Inhalt, nach einem kurzen, prüfenden Blick, in ihre Hosentasche wandern. Danach lehnt sie den Rucksack gegen die Tür und setzt sich zu mir aufs Bett.
„Siebzehn Euro Achtzig. Nicht gerade viel, hm?“, meint sie.
„Das reicht für ein paar Mahlzeiten. Und ich müsste zuhause auch noch was haben, also mach dir mal keine Gedanken.“, antworte ich.
Sie lächelt, nimmt mich in den Arm und lässt ihren Kopf auf meiner Schulter ruhen.

Daheim bei Len

Eine halbe Stunde vergeht, bis wir schließlich vor dem Haus meiner Familie stehen.
Ich bitte Mia, draußen zu warten, während ich die Eingangstür langsam mit meinem Schlüssel öffne.
„Ich bin gleich wieder da.“, sage ich zu ihr und lasse die Türe einen Spalt offen, während ich den schmalen Flur entlang ins Wohnzimmer schreite.
„Verdammt nochmal, Len! Wo zum Teufel hast du dich schon wieder rumgetrieben?“, höre ich meine Mutter brüllen, die plötzlich von ihrem Sessel aufspringt, auf mich zu stürmt und sich drohend vor mir aufbaut.
„Warst du schon wieder mit dieser Rotzgöre zusammen?“
„Bitte rede nicht so von Mia.“, erwidere ich.
Mutter fuchtelt wild mit den Händen herum und ist nicht mehr zu bremsen: „Zum Teufel nochmal! Ich habe dir doch verboten, dich mit diesem kleinen Flittchen zu treffen!“
Ich hasse es, wenn sie ihrer unbegründeten Abneigung gegen Mia in dieser Form Luft verschafft.
Mit einer ungeheuren Kraft schlägt sie ihre rechte Hand flach gegen meine Wange, sodass mein Kopf zur Seite geschleudert wird.
„Du wirst dich nie wieder mit ihr treffen! Hast du mich verstanden?“
Ich hasse sie.
Während ich mir die schmerzende Wange halte, vertrete ich klar und deutlich meinen Standpunkt: „Niemand verbietet mir das, auch du nicht.“
Nachdem ich diesen Satz formuliert habe, geht sie mit einem aufgebrachten Schrei auf mich los. Wilde Hiebe prasseln auf mich ein. Ich versuche sie, so gut es eben geht, abzuwehren. Mittlerweile habe ich mir für solcherlei Attacken eine gewisse Schutz-Technik angeeignet.
„Lassen Sie ihn in Ruhe!“
Mia! Zitternd steht sie im Türrahmen.
Als Mutter sie erblickt, lässt sie abrupt von mir ab. „Du! Raus aus meinem Haus!“, ruft sie aufgebracht und stürmt aufgeputscht auf sie zu.
Mia kann sich nicht wehren. Sie steht da und versucht vergeblich die Schläge abzuwehren, die auf sie einprasseln. Ihr verzweifeltes Wimmern hallt in meinen Ohren wider...
Klick
Reflexartig greife ich den schweren Glasaschenbecher auf dem Tisch zu meiner Rechten.
„Hör auf!“, brülle ich und setze mich in Bewegung, getrieben vom unbändigen Adrenalin, welches in diesem Moment freigesetzt wird.
Mutter nimmt mich nicht einmal wahr und schlägt nur weiterhin wie im Wahn auf Mia ein.
Niemand tut meiner Mia etwas an!
NIEMAND!
Mit einer enormen Wucht schmettere ich den massiven Aschenbecher gegen ihren Kopf.
Mutter sackt auf der Stelle zusammen.
Klack
„Mia! Alles in Ordnung?“, erkundige ich mich. Mias Blick ruht auf dem reglosen Körper zu ihren Füßen. Sie zittert am ganzen Leib.
An Mutters Hinterkopf klafft eine große Platzwunde.
„Ist sie… tot?“, will Mia wissen. Ich schaudere. „Das… das wollte ich nicht.“
Plötzlich vernehme ich das Knarren der alten Holztreppe im Hintergrund. Es ist mein Bruder.
„Was hast du getan?“
Fassungslos blickt er zu uns herüber.
„Sie ist auf Mia losgegangen! Was hätte ich denn tun sollen?“, entgegne ich.
Langsam bewegt er sich wieder die Treppe hinauf, ohne uns aus den Augen zu lassen. „Ich werde jetzt die Polizei anrufen.“
„Warte!“, rufe ich ihm zu, doch zu schnell entschwindet er meinem Sichtfeld.
Ich muss überlegen, was nun zu tun ist.
Mia zittert noch immer, den Blick starr auf die leblose Person am Boden gerichtet.
„Hey…“, sage ich und streiche ihr sanft ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Es wird alles gut, das verspreche ich dir.“
Schließlich schaut sie zu mir auf und erwidert leise: „Danke, dass du für mich da bist, Len.“

Erlösung

Gedankenverloren sitzen wir da und starren die Straße hinunter. Ihre zittrige Hand ruht in der Meinen.
Wir haben uns nicht weit vom Haus entfernt. Mia scheint schwer erschöpft und mitgenommen. Auch in mir breitet sich das Gefühl der Erschöpfung aus. Der Schock sitzt uns tief in den Knochen.
Ich wollte sie doch nur schützen...
Wie aus dem Nichts taucht plötzlich mein Bruder hinter uns auf. Sein Gesicht ist tränengeflutet. Wie angewurzelt steht er da und blickt auf Mia herab.
„Was… was willst du?“, frage ich erschrocken, als ich seinen irren Gesichtsausdruck bemerke.
Nach ein paar Sekunden des Schweigens bringt er trocken die Worte „Ich erlöse dich.“ heraus und entblößt die Schusswaffe in seiner Hand, welche er hinter seinem Rücken verborgen hielt.
„NEIN!“, schreie ich, als er die Waffe auf Mia richtet, die noch gar nicht ganz begreift, was hier gerade geschieht. Ich will ihn anspringen, will ihm die Waffe aus den Händen reißen, doch komme ich nicht mehr dazu. Blitzschnell versetzt er mir einen heftigen Schlag und ich falle wie ein Stein zu Boden.
„Erlösung.“
Ein dumpfer Knall ertönt und Mia landet neben mir auf dem Asphalt.
Mia!
Klick
Ich versuche mich wieder aufzurichten, doch ein erneuter Schlag direkt in mein Gesicht, weiß dies zu verhindern.
Ich weiß kaum, wie mir geschieht, als er sich über mich beugt und mir die Waffe an die Stirn presst. „Es hätte nicht so enden müssen. Aber du hast mir keine andere Wahl gelassen.“
Ich spüre, wie seine warmen Tränen auf meiner Haut landen.
„Erlösung für dich.“
Dann betätigt er ein weiteres Mal den Abzug der Waffe und ich spüre nur noch im Ansatz, wie die Kugel in meinen Kopf eindringt...
Mia...
"