Totes Individuum (18+)

Autor: Benjamin Helbig

 

Warnung: Diese Geschichte enthält Szenen mit expliziter Gewalt!

Ein Tag wie jeder andere Tag dieses absurden Lebens...
Alles ist gleich, alles scheint in einer ständigen Zeitschleife fest zu stecken, vom Durchschnittsbürger unbemerkt. Alles kopiert, geklont...
Wenn ich arbeite, dann nennt man mich 26 - eine Nummer ohne Gesicht, ohne individuelle Züge. Eine leicht ersetzbare Nummer, eine Maschine, die ohne Murren ihre Arbeit zu verrichten hat, die man um 5 Uhr in der Früh einschaltet und um 16 Uhr am späten Nachmittag wieder ihrem rast- und sinnlosen Dasein überlässt, ihr eventuell eingeschränkt vorhandenes, eigenständiges Denkvermögen, durch Abschalten der standardisierten Mechanismen, wenigstens kurzzeitig zurück in den dafür eigentlich vorgesehenen Wirt entlässt...
Einsam stolpert die Maschine dann die Gassen entlang. Es ist dunkel in ihrem Horizont. Beton grenzt an Beton, graue Wände, wo eigentlich Blumen blühen sollten. Doch keinerlei Blumen blühen in dieser Zeit; der Zeit, in der stumme Maschinen, auf grauen Bürgersteigen, in ihren grau-schwarzen Anzügen ziel- und planlos umher wandeln, ständig auf der Suche nach etwas, wovon sie meist nicht einmal selbst wissen, dass sie überhaupt danach suchen. Was ihnen fehlt ist das eigenständige Denkvermögen. Sie können lediglich in eine ihnen zugewiesene Richtung denken, doch nicht in Andere. Quer- und Freidenker unerwünscht. Anpassen lautet die Devise, die Voraussetzung für Leben in einer Gesellschaft. Doch was, wenn die Gesellschaft nicht lebensfähig ist und trotzdem lautstark Anpassung an ihre destruktive Ordnung einfordert? Was, wenn wir einem Regime nur noch als identitätslose Masse von Nutzen sind? Der Mensch, das Nutztier.
Uns bleibt beinahe keine andere Möglichkeit im Diesseits, als uns dieser lebensfeindlichen Gesellschaft anzupassen, unsere Windungen ihren Formen gleich zu setzen und uns einzufügen in ein System, ein Konstrukt aus Gleichungen, als industrielle Wirte.
Sind wir gemeint? Könnten wir das sein? Keine Antwort auf diese Fragen, nur Denkanstöße in andere Richtungen, die befreien könnten und den teilweise tot-geglaubten Individualismus zu fördern im Stande sein könnten. Wir sind nicht gemeint, sagt das selbst ernannte Individuum, und geht in die Fabrik.
Vielleicht seid ihr dies tatsächlich nicht. Klares Hinterfragen und Hintergehen sämtlicher gesellschaftlich auferlegter Zwänge und diverser Normen wäre angebracht. Doch wenn die Ecken und Kanten erst einmal geschliffen, die Formen an die vorgegebenen Idealmaße angepasst und die restlichen individuellen Züge von der Medienlandschaft rigoros bearbeitet und in wirtschaftlich tragbaren Zustand gebracht worden sind, so dürfte es grundsätzlich zu spät sein, dürfte es nur schwerlich noch möglich sein, jenes Individuelle nachträglich wieder heraus zu fördern.
Dies sei der Ritus ihrer Entstehung. Von der Mutter heraus gepresst, mit medialem Schwachsinn vollgestopft und von Schule, Erziehern und selbst ernannten Erwachsenen auf bedingungslose Anpassung und blinden Gehorsam gedrillt. Da kann ja nichts Gutes draus hervor gehen.
Zum Schluss wird der geschädigte Verstand noch an die Waffen gezwungen, um auch das letzte Stückchen Menschlichkeit in ihm für alle Zeiten zu vernichten, um eine verstaatlichte, pflichtbewusste Marionette zu schaffen, wie sie im Buche steht. Hirnloses Kanonenfutter, nicht zu eigenständigem Denken in der Lage. Menschliche Maschinen überall sonst. Dies ist die Ausrottung von jeglichem Individuellen. Doch wie könnte man sich nachhaltig und mit der nötigen Konstanz gegen dieses Komplott erwehren? Ehrlich gesagt habe ich nicht die leiseste Ahnung... zu sehr entspreche auch ich den verfluchten Normen, zu sehr haben sie auch mich gnadenlos in diese ausdruckslose Masse hinein gepresst und zu lange vegetiere ich nun bereits in ihr dahin...
Das einzig Sinnvolle, was mir jetzt noch bleibt, ist die Rache... für alles andere ist es längst zu spät...

Ich, die Maschine...
Kann nicht weinen, obwohl ich will. Kalter Regen prasselt in Strömen auf mich nieder und lässt mich frieren. Ich kann nicht mehr. Heute Nacht geht es mit mir endgültig zu Ende. Ich will nicht mehr...
Ich trotte durch das heftige Unwetter, welches mich unentwegt hin und her reißt, mich regelrecht aus der Bahn zu werfen versucht und durch die Luft zu schleudern droht. Ich fühle nichts, nur eine unendliche, alles verzehrende Leere in mir...
...und die Kälte, diese entsetzliche Kälte, die meinen entschlossenen Schritt zu lähmen versucht, als würden mich die Naturgewalten selbst an meinem Vorhaben hindern wollen. Nichts wird mich jetzt noch von meiner Entscheidung abbringen. Gleich wird es zu Ende sein...
Mein Leben lang war ich nichts weiter als eine unbedeutende Nummer unter Tausenden. Eine Nummer, die dem System schlussendlich nicht länger von Nutzen war und ersetzt werden musste. Vielleicht zu alt, vielleicht zu schwach, vielleicht zu langsam, vielleicht zu dumm. Da werden keine Kompromisse gemacht und ich werde nun auch keine Kompromisse mehr eingehen.
Eine heftige Böe reißt mich von den Beinen. Ich stürze zu Boden, hinein in diese ekelerregende, braun-gräuliche Masse, die mittlerweile den gesamten Boden unter mir zu bedecken scheint, und reiße mir den linken Ellenbogen an einer spitz zugeschnittenen Betonplatte auf. Eine Fleischwunde. Unwichtig. Dem plötzlichen körperlichen Schmerz gelingt es jedoch, wenigstens für einen kurzen Moment, meinen tiefen seelischen Schmerz zu verdrängen. Diese Euphorie ist aber leider nur von kurzer Dauer. Anschließend plagen mich sowohl physisch, als auch psychisch höllische Schmerzen, doch ist mir dies momentan beinahe gleichgültig. An meinem Entschluss ändert sich nichts, mag da kommen was wolle.
Mit der Handfeuerwaffe entsichert und schussbereit betrete ich sein Haus. Woher hat eine Maschine wohl eine Waffe, wird man sich fragen. Sie ist doch gar nicht darauf programmiert eine Solche abzufeuern. Als Frau wurde ich noch nicht einmal in den Kriegsdienst eingezogen, musste dementsprechend also nicht zwangsläufig lernen, wie man mit einer Waffe jemanden nach Gutdünken umbringen kann, wenn man es gerade will oder muss, wie es mein Mann und meine Kinder lernen mussten und wie es meine Enkelkinder in ein paar Jahren voraussichtlich ebenso beigebracht bekommen werden. Gut, dass ich diese Ungeheuerlichkeit nicht mehr miterleben muss. Ich will sie nicht auch so enden sehen, wie ich meine eigenen Kinder enden sah und wie ich selbst im Leben versagt habe, wie wir alle im Leben versagt haben, obwohl ich ja im eigentlichen Sinne kein standesgemäßer Versager gewesen bin. Ich bin immer das gewesen, wofür man mich anscheinend gebrauchen konnte. Dies ist im Nachhinein wohl mein Verhängnis gewesen, doch helfen mir späte Einsichten nun auch nicht mehr aus meiner Misere. Ich bin alt, fühle mich noch älter... Nur dieses eine Vorhaben kann mir noch den lang ersehnten Frieden bringen.
Schwankend stehe ich im Hausflur. Ich zittere am ganzen Leib, spüre meinen Körper nicht mehr. Alles wirkt taub, als gehöre der Körper nicht länger mir selbst. Mit dem Wirt geht es zu Ende...
Der Schlüssel dreht sich wie von Selbst im Schloss herum und lässt die Wohnungstüre sanft aufgleiten. Woher hat eine Maschine wohl den Privat-Schlüssel von jenem Bastard, dessen Job es war, sie tagtäglich zu bedienen, wird man sich fragen. Nun, die Maschine hat geschickte Finger, so die einfache Antwort.
Mein Wirt scheint sich zu verselbstständigen. Vor Kälte, Nässe und nicht zuletzt vor Anspannung bebend öffnet er die Tür zu meiner Rechten. Ein schmales Zimmer, kann es nicht einordnen. Es passt nicht hierher, nicht in diese grausame Zeit, in der wir leben. Zu farbenfroh, beinahe surreal erscheint es mir.
Die Wunde an meinem Ellenbogen pulsiert und lässt kurzweilige Gedanken in andere Richtungen zu. Wie kann jemand ein solches Zimmer für sich beanspruchen? Es macht mich rasend, lässt meinen zerstörerischen Hass erneut bis zum Siedepunkt hoch kochen. Ich richte die Waffe auf dieses Bett, auf dieses unpassende, kleine Bett aus rosafarbener Seide. Alles wirkt wie in einem Traum, als würde ich als Todesengel über Wolken schweben, mit dem Werkzeug des modernen Todes in meinen Händen.
Ich kann mich der Vernunft nicht mehr offenbaren, zu weit bin ich gegangen. Nun werde ich es auch zu einem würdigen Ende bringen. Mein starrer Blick haftet auf diesem kleinen, gar winzigen Gesicht, welches sich in dünnen Träumen verlierend, an ihr rosa Kaschmir-Kissen schmiegt. Ich beobachte meine Hand, kann sie kaum mehr gerade halten. Schwäche lässt mich zögern. Ich muss es tun! Jetzt! Es ist meine Pflicht! Meine letzte und erste vernünftig anmutende Aufgabe. Es muss getan werden. Die Qual wird sogleich für alle zu Ende sein.
Mir fällt es zu schwer die Waffe gerade zu halten, so lege ich sie dem winzigen Geschöpf an die Stirn. Der kalte Stahl an ihrem kleinen Köpfchen reißt sie unsanft aus ihren Träumen heraus und lässt sie erschrocken zu mir aufsehen. Dieser Blick... dieser unschuldige Blick...
Ein ohrenbetäubender Knall durchbricht die Stille der Nacht und des Momentes. Frisches, helles Blut und Gehirnmasse spritzen durch die Gegend, verteilen sich auf dem Bett und an der gegenüberliegenden Wand. Der kleine Körper vor mir zuckt unkontrolliert. Ihr junges Gesicht, welches mich gerade eben noch so voller Anmut und Unschuld anblickte, verliert seine kindliche Schönheit nun mit diesem ekelerregenden Loch in der Stirn, aus dem unentwegt und schwallartig Blut heraus gepumpt wird, welches sich schnell wie ein Bach über das gesamte Gesicht ergießt. Ich habe das getan! Es ist mein Werk!
Bei dem Anblick dieses kleinen, toten Geschöpfes kommen Zweifel in mir auf. Vielleicht war ich wieder zu pflichtbewusst. Aber auf wen habe ich gehört? Von wem habe ich meine Anweisungen erhalten? Von Niemandem, außer mir Selbst, also kann diese Sache doch nur sinnvoller sein, als all das, was ich bisher in meinem Leben getan habe. Dies war tatsächlich die erste richtige, erinnerungswürdige Sache, die ich für Niemanden getan habe, sondern nur von mir aus, für mich selbst tat. Glück durchströmt meinen Körper und zaubert mir ein kurzes Lächeln auf die Lippen, das jedoch schnell wieder verschwindet und durch regelrechte Depression abgelöst wird. Ich habe dieses zauberhafte, kleine Geschöpf getötet... mit meinen eigenen Händen... ich betätigte den Abzug des Mordwerkzeuges... war diejenige, die den Schalter umlegte, diejenige, die die Maschine bediente...
Einerlei! Ich bin am Zug. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich halte mir diese unwiderlegbare Tatsache vor Augen und finde mich damit ab. So habe ich es doch geplant, wenn ich auch von diesem kleinen Geschöpf nichts ahnte. Doch mein radikaler Rachedurst wird erst dann gestillt sein, wenn sie alle tot vor meinen Füßen liegen, da entzieht sich mir der Sinn einer Ausnahme.
Ein kalter Windhauch fegt durch das Zimmer, wie der unsichtbare Tod auf leisen Sohlen. Es wird kälter und immer kälter. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, nur noch mit Mühe gerade stehen. Meine Sinne scheinen wie eingefroren. Es wirft mich um. Von einem Moment auf den Anderen finde ich mich plötzlich auf dem Boden wieder, überwältigt von blanker Erschöpfung.
Irritiert schweift mein Blick umher. Ich muss meine Gedanken beisammen halten. Unbeholfen robbe ich zur Wand hinter mir und lehne mich dagegen.
Ich höre Gepolter aus den Nebenzimmern, wende mich träge Richtung Zimmertür und versuche mit aller Kraft die Waffe dorthin auszurichten. Ich will dem Hausherrn eine verdammte Kugel zwischen die Augen jagen können, sollte er in Sichtweite geraten. Er ist mein eigentliches Motiv, seine Familie sollte die Rache lediglich abrunden, perfekt machen. Bloß hatte ich das kleine Etwas, dessen Blut und Gehirnmasse gerade an meinen Händen klebt, in meinem anfänglichen Plan nicht direkt berücksichtigt, doch bin ich durchaus mit dem Geschehenen zufrieden, solange ich den Hausherrn auch gleich erwische. Ich hatte vielleicht einfach ältere Nachkommen von einem Mann seines Alters erwartet, doch nun ist es, wie es ist und so wie es gerade läuft, ist es gar nicht mal schlecht. Mal von der Tatsache abgesehen, dass ich zitternd in der Ecke des Mädchenzimmers kauere und mich nur schwerlich rühren kann...
Was ist denn bloß los mit mir? Die Kälte hat mich wohl stark geschwächt und meine Glieder beinahe eingefroren, das viele Blut, was aus dem Kinderkopf geflossen, hat mir einen unerwarteten Schock durch Mark und Bein gejagt und die eiternde Platzwunde an meinem Ellenbogen tut ihr Übriges.
Plötzlich lässt mich ein lauter, schriller Schrei in unmittelbarer Nähe zusammen zucken. Seine Frau steht wie angewurzelt in der Tür und blickt fassungslos, mit weit aufgerissenen Augen auf das blutüberströmte Kinderbett. Sie scheint sich vor Entsetzen kaum mehr rühren zu können.
Mein Wirt lenkt die Waffe mechanisch, schnell und zielgerichtet in die richtige Position und ich betätige den Abzug ein zweites Mal ohne Nachzudenken.
Der darauf folgende markerschütternde Knall hinterlässt ein penetrantes, einnehmendes Piepsen in meinen Ohren, welches beinahe sämtliche Geräusche in sich auflöst. Nur noch dumpfe Klänge, deren Herkunft ich nicht genau ausmachen kann, dringen undeutlich zu mir durch. Mein Kopf schmerzt. Alles scheint zu verschwimmen und wirkt nun mehr denn je wie in einem Traum.
Ich frage mich bloß, wo denn nun dieser verdammte Bastard ist, dem meine entarteten Gedanken zu Grunde liegen, der mich meiner Identität beraubt und mich zu jener ausdruckslosen, kranken, verrosteten Maschine gemacht hat, die ich seit langem schon verkörpere. Ich will mich zurück!
Doch erstmal muss ich wieder auf die Beine kommen.
Schwerfällig greife ich nach einer Halterung an der Wand über mir und ziehe meinen trägen Körper langsam daran hinauf. Wacklig halten mich meine Beine aufrecht. Mit trübem Blick taumle ich auf die Zimmertür zu, während die Mechanismen in meinem Innern die schwer in meiner Hand liegende Waffe weiterhin mühsam in schussbereiter Position halten.
Zu meinen Füßen liegt nun seine Frau in einer breiten Blutlache und röchelt sterbend vor sich hin. Aus ihrem Mund quillt dunkles Blut, woran sie fast zu ersticken scheint. Die Kugel steckt in ihrer Brust - keine Ahnung welche Eingeweide ich ihr damit zertrümmert habe, doch offensichtlich leidet sie sehr. Angewidert blicke ich zu ihr hinab. Ich muss sie ihrer Qualen rasch erlösen, denn als allzu leidvoll hatte ich ihren Tod eigentlich gar nicht eingeplant. Sie sollte möglichst schnell sterben, während all die Schmerzen und Todesqualen einzig und allein ihrem Mann vorbehalten sein sollten.
Ich lasse mich auf die Knie fallen und beuge mich achtsam über sie. Sie spuckt mir Blut ins Gesicht. Ich bin mir nicht sicher, ob dies ihrerseits böswillige Absicht oder lediglich eine unkontrollierte Zuckung war, jedoch könnte ich ihr so oder so beides situationsbedingt nicht wirklich übel nehmen.
Langsam drücke ich den kalten Stahl an ihre Schläfe, woraufhin sie merklich zusammen zuckt und mit ihren Augen flehend meinen Blick ersucht. Eine leise Entschuldigung entweicht meinen Lippen, bevor ich ihr eine weitere Kugel durch den Kopf jage, die ihren Schädel an beiden Schläfen aufreißt und ihr Gehirn großflächig im Flur verteilt.
Der Schuss hallt dumpf in meinen Ohren wider. Es hört sich beinahe so an, als befände ich mich einige Meter unter Wasser, wäre da nicht noch dieses penetrante Piepsen und Pochen in meinem Kopf.
Schwerfällig erhebe ich mich erneut. Ich muss ihn finden und ihm seiner Identität berauben, um die Meine endlich von ihm zurück zu erlangen.
Plötzlich glaube ich die schemenhaften Umrisse einer Gestalt vor mir im Flur zu erkennen, doch bevor ich zu einer Reaktion fähig bin, werde ich auch schon von zwei abrupten Schüssen nieder gestreckt.
Schmerz! Dieser höllische Schmerz überwältigt mich!
Nein! Das darf nicht sein! So darf es nicht enden! Ich will nicht als verdammte Maschine sterben, die kurz vor ihrer endgültigen Abschaltung einiger bedauerlicher Fehlfunktionen unterlag, wie es die Zeitungen zweifelsohne schreiben werden. Zwar werden sie es noch zusätzlich mit einigen haltlosen "Fakten", wie sie es fälschlicherweise bezeichnen, garnieren, jedoch wird dabei am Ende lediglich eben Erläutertes heraus kommen und jeder Idiot, der sich auch nur flüchtig mit diesem Artikel befasst, wird stets vom selben stumpfen Gedankengang befallen werden: „Ach, bloß eine weitere dumme, alte Frau durchgedreht“, womit sie mich erneut zu dieser verhassten Maschine degradieren, welche ich in der Tat zur Zeit immer noch verkörpere, auch wenn ich mich ihrer Ketten nun bereits fast entledigt habe, was man jedoch noch immer als einfache Fehlfunktion, und höchstwahrscheinlich nicht als tatsächliches kurzes Aufflackern eigenen Denkens werten könnte und wird.
Von diesem erschreckenden Gedanken in plötzliche Panik versetzt, helfen mir die nach wie vor intakten Mechanismen meines Wirts, die rechte Hand ein kleines Stück zu heben und die dortige Waffe in Windeseile ein weiteres Mal abzufeuern. Der Mann fällt, genauso wie ich zuvor, von einem schmerzverzerrten Stöhnen begleitet, zu Boden, doch rührt er sich danach nur noch kurz. Ist es jetzt schon vorbei? Ich hätte diesem Bastard mehr Schmerzen vor seinem endgültigen Ableben gewünscht und doch fühle ich, wie sich die schweren, bereits bröckelnden Ketten, mit denen ich über einen schier unendlichen Zeitraum hinweg gefangen war, schlussendlich komplett lösen. Ich bin frei!
Langsam, vor Schmerzen gekrümmt, krieche ich zu ihm hinüber und spüre, wie sich ein wohliges Glücksgefühl in meinem Körper ausbreitet, das mir ein Lächeln ins blutverschmierte Gesicht zaubert. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal derart glücklich war. Es muss schon eine ganze Weile her sein...
Ich erreiche seinen reglos am Boden verharrenden Leib und erblicke das blutende Loch, welches seitlich in seinem Hals klafft. Seine Augen starren mich entsetzt an. Er ist noch nicht tot. Ich bemerke, wie er etwas zu sagen versucht, was ihm aber offensichtlich nicht gelingt.
Mit all meiner noch verbliebenen Kraft drücke ich ihm lächelnd meinen linken Daumen in die Wunde am Hals und ergötze mich an seinen Qualen, wie er sich windet, gluckst und Blut aus seinem Mund spritzt.
Ich schlage ihm ins Gesicht - einmal, zweimal, dreimal... In den Schlägen steckt all mein Hass und all meine Wut, die sich in all den Jahren in mir angestaut hat. Mit gebündelter Kraft entlädt sie sich in nackter Gewalt.
Ich hasse ihn! Und wie ich ihn hasse! Ich habe mein Leben gehasst, sogar meinen Mann und all meine Verwandten und Bekannten habe ich gottverdammt nochmal gehasst! Ich hasse meine Erzeuger dafür, dass sie derart selbstsüchtig waren, mich in diese kalte, grausame Welt zu werfen und dort verkommen zu lassen. Ich hasse mich selbst abgrundtief dafür, dass ich jenes auch meinen eigenen Kindern antat, allein indem ich sie gebar. Aber vor allem hasse ich ihn, auf dessen Kopf ich gerade mit irrem Blick unentwegt einschlage. Dieses miese, kleine Stück Dreck!
Mittlerweile schlage ich nur noch auf eine dicke, blutige Masse ein, die ein eventuell vorherig vorhandenes Gesicht nur noch vage erahnen lässt.
Vollgepumpt mit blankem, vernichtendem Hass zücke ich erneut die Waffe und richte sie auf das, was von seinem Kopf noch übrig geblieben ist.
BOOM! Totes Individuum! Du hast mir die Seele geraubt, jegliche individuellen Züge in mir zerstört und sie deinem schwulstigen, alten Körper einverleibt! Jetzt liegst du vor mir - ausdruckslos, ohne Gesicht - wie ich stets vor dir lag. Totes Individuum! Mit dieser letzten Tat habe ich endlich meine Identität von dir zurück erlangt, die du mir vor so vielen Jahren raubtest. Mit dieser Tat bin ich individuell, nicht länger die Maschine, die du aus mir gemacht hast.
Drei tote Individuen und ich werde sogleich das Vierte sein...

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