Stimmen

Autor: Benjamin Helbig


Alles... alles kaputt... alles tot...
Ich... kann nicht atmen!
Die Luft... so schwer...
Mein Kopf explodiert!
Ich schreie! Verzweifelte Schreie nach Erlösung. Schreie, die nach einem baldigen Ende verlangen.
Ich kauere in dieser vollgekotzten Ecke, kurz davor mir eigenhändig den Kopf abzureißen.
Die Stimmen werden immer lauter. Sie schreien! Ich schreie!
Ich habe sie alle getötet. Die ganze verfickte Familie! Vater, Mutter, Kinder. Alle tot. Ich hasse sie alle! Ich hasse die Stimmen! Sie müssen sterben! Alle!
Die Waffe drückt unablässig gegen meine Schläfe. Wenn ich abdrücke, werden die Stimmen hinter der dünnen Schädelwand in Stücke gerissen. Das ist alles was ich will. Aber sie sind zu laut!
Ich bin nicht mehr länger Herr meines Körpers. Sie haben die Kontrolle übernommen. Es hat sich lange angekündigt und nun ist es eskaliert. Es ging alles viel zu schnell. Mein Kopf...
Benommen wuchtet sich mein Körper auf die Beine.
Blinkendes Blaulicht dringt durch die schmalen Spalte der heruntergelassenen Rollladen vor den Fenstern in den Raum ein und taucht all das Blut und die Leichen auf dem Boden vor mir in ein unbeständiges Licht.
Ich stehe vor der geschlossenen Tür, bereit hinaus ins Freie zu treten, wo mich diese Drecks-Bullen schon erwarten dürften.
Ihr könnt mich nicht aufhalten! Niemand kann mich mehr aufhalten! Niemand! Noch nicht einmal ich selbst bin dazu noch in der Lage.
Nein, lass sie ihren Siegeszug nicht weiterführen! Sie müssen es beenden! Sie müssen mich stoppen!
Entschlossen reiße ich die Tür auf und blicke in ein gutes Dutzend Gewehrläufe, welche zu den Bullen gehören, die sich ein paar Meter von mir entfernt hinter ihren Wagen verschanzt haben.
Sie brüllen mir irgendetwas zu, doch ich verstehe nichts. Die Stimmen sind zu laut.
Das Martyrium wird endlich ein Ende finden. Jetzt!
FICKT EUCH!
Wild brüllend feuere ich das ganze übrig gebliebene Magazin meiner Handfeuerwaffe auf die Bullenschweine ab.
Sie erwidern das Feuer. Gewehrkugeln treffen mich in Brust, Bauch, Bein und Schulter. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lande ich auf hartem Asphalt.
Sie schreien noch immer. Schreien lauter als jemals zuvor. Sie schreien um ihr Leben, um mein Leben, um unser Leben. Sie sollen verdammt nochmal die Schnauze halten!
Ich blicke hinauf in einen blutroten Nachthimmel.
Und plötzlich senkt sich ihre Hartnäckigkeit. Ihr letztes Aufbegehren findet langsam ein Ende. Sie wollen noch nicht sterben, flehen darum am Leben gelassen zu werden. Doch dafür ist es jetzt zu spät...
Irgendwann sind sie nur noch ein Flüstern in meinen Ohren. Ein beinahe sanftes, trauriges Flüstern. Sie sterben mit mir.
Ich kann mir ein letztes Lächeln abringen.
Ende. Endlich...

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