Nichts bleibt

Autor: Benjamin Helbig

Ich friere...
Tränen fließen meine Wangen hinab und werden Eins mit dem erbarmungslosen Niederschlag des Regens.
Es ist so kalt... so furchtbar kalt...
Ich zittere am ganzen Leib und fürchte mich vor dem Unabwendbaren. Ich schäme mich für diese Furcht, war es doch mein freier Wille, der mich zu jener Stunde an diesen metaphorisch dunklen, wie tiefen Abgrund trieb.
Hier wird sogleich endlich die peinigende Tortur des Lebens von mir weichen...
Ich betrachte das kalte Instrument in meiner Hand.
Kein Funke Freude lodert bei Betrachtung dessen in mir auf, bloß das verzehrende Nichts, diese gähnende Leere, welche mich stetig durch mein freudloses Leben zu begleiten schien, zerrt noch an mir.
Nie war es anders...
Nur diese Furcht, welche ich in jenem Moment verspüre, entzieht sich der standardisierten Normalität des Nichts...
Es ist wie der Schnitt in die Venen mit dem Küchenmesser.
Von Erinnerungen geleitet schweift mein trüber Blick flüchtig über die tiefen Narben und verkrusteten Furchen an meinem Unterarm, eine noch ganz frisch vom gestrigen Abend.
Ich spüre es...
...spüre das Pochen...
...so schön...
...doch so schnell verblich der Moment in der Einsamkeit...
Nichts bleibt...
Niemand wird mich finden, weil niemand nach mir suchen oder mich gar vermissen wird...
Nichts bleibt...
Nur das schnelle, präzise Ende, zu dem mir das Instrument des Todes und der Glückseligkeit in meiner zittrigen Hand sogleich verhelfen wird, steht noch aus.
Furcht, derer ich mich schäme, lässt mich erröten und mein Wimmern im Takt des prasselnden Regens an Intensität gewinnen.
Nur selten ist es mir noch vergönnt ein Gefühl derart intensiv in mir spüren zu dürfen. Ein Gefühl abseits des Nichts, doch mit zu negativem Beigeschmack, um es über einen längeren Zeitraum hinweg ertragen zu können.
Langsam führe ich das erkaltete Instrument an meine Schläfe und schließe die Augen. Ich sehne es herbei, wünsche mir nichts weiter, als dass dies ganze Martyrium Leben, welches mich hier umgibt und gefangen hält, einer einzigen, ewig anhaltenden Stille weicht, die mir letztendlich Frieden gewährt...
Hier werde ich niemals glücklich sein, ich werde niemals irgendetwas sein. Nicht hier. Nicht in dieser gescheiterten Existenz.
Meine ganze Zuversicht gilt diesem Moment.
Die Angst ist überflüssig, nicht weiter von Relevanz.
„Angst ist nicht notwendig. Ich habe keine Angst. Sie ist nicht existent.“
Ich spüre, wie meine Lippen versuchen sich zu einem zaghaften Lächeln zu formen. Ihnen fällt es nicht so schwer wie mir.
Ich lächle dem Tod entgegen.
Er nimmt mich wie ich bin. Ganz ohne Fragen.
Er nimmt mich an die Hand und geleitet mich in eine bessere Welt, in der ich mich gänzlich verlieren kann.
Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lächle...
...und betätige den Schalter, der mich eins mit ihm werden lässt...

...nichts bleibt...

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