Intensivierung des unangepassten Seins



Autor: Benjamin Helbig


Alles, was ich einmal zu sein glaubte, verschwimmt, in Anbetracht der Tatsache, dass gesellschaftliche Aufsteiger mich „untragbar“ und „nutzlos“ nennen. Ich bin ein Nichts im Auge der Gesellschaft, ein Dorn im Auge der gesellschaftlich Akzeptierten, Angepassten. Ich frage mich ernsthaft warum. Weil ich, im Gegensatz zu den Meisten hier, fähig bin eigene Gedanken zu entwickeln? Alle scheinen glücklich mit den Gedanken und Meinungen, die sie indoktriniert bekommen. Ich nicht. Mein Lebensweg führte mich abseits der Normen, mein beharrliches Bewusstsein für Richtig und Falsch, welches sich oftmals erheblich von dem angepasster Bürger unterschied, ließ mich in Bereiche des Lebens vorstoßen, welche nur ungern gesehen werden.
Was mag passieren, wenn ich einfach mit dem Versuch aufhöre mitzuspielen? Wenn ich mein unangepasstes Sein intensiviere?
Erster, kleiner Schritt in menschliche Gesellschaft. Ein Schatten zieht mit mir, ein Hauch des Todes, der Hoffnungen und Leidenschaften teilt. Die dunkle Wolke, die mir vergeben wird, wenn alles vorbei ist.
Benommen stehe ich inmitten von Menschen, die mir fremd sind, obgleich ich sie lange zu kennen glaubte. Ich höre die bedeutungslosen Phrasen, welche wie flüssige Einheit ihren Mündern entweichen und in der stickigen Luft verpuffen. Phrasen, wie auswendig gelernt, nicht aus ihrem Selbst entstanden. Wie euphorisiert bilden sie eine Einheit aus endloser Idiotie und indoktrinierter Selbstverleugnung. Wohin gehöre ich, wenn nicht hierher? Werde ich es erfahren, wenn ich die Möglichkeit des Schmerzes wähle?
Probieren wir es aus.
Ich lege das alte, rostige Jagdmesser auf den Tisch. Verwirrte Blicke richten sich darauf und schwirren anschließend unruhig durch den Raum. Unterbrochene Euphorie, ungebrochene Idiotie. Der Unterschied zwischen den Daseinsebenen zeigt sich in den unentschlossenen, doch beunruhigten Reaktionen. Dieser Gegenstand auf dem Tisch scheint negative Emotionen in der Runde hervorzurufen, und doch ist er in seiner Schlichtheit still und unbedeutend. Wir machen ihn erst zu dem, was er sein könnte, was er sein sollte, wie er sich zu verhalten hat, als akzeptierter Teil der Gesellschaft.
Verhelfen wir ihm also zu gesellschaftlicher Akzeptanz.
Ich nehme das Messer vom Tisch, spüre sein Gewicht in meiner Hand.
Auf fragende Blicke folgen fragliche Taten. Aus Verwirrung wird Klarheit. Klare Schnitte, vordefinierte Stöße in menschliches Gewebe. Der Forderung wird Nachdruck verliehen. Die Frage nach dem Warum wird im ruhigen Moment des vergangenen Augenblicks gestellt. Warum liege ich dort im roten Fluss verwischter Konturen? Surreal wirkendes Szenario, doch von eigenwilliger Rationalität. Im Anbetracht des Schmerzes zeige ich mich ein letztes Mal stark und ungebrochen. Gesellschaftlich betrachtet mag ich verloren haben, doch in meinem Streben nach individueller und vollkommener Unabhängigkeit habe ich erreicht, was zu erreichen war. Ich gehe allein, völlig losgelöst und zwanglos, hinterlasse mein Blut als Botschaft für eine falsche Welt. Die Wirkung gilt den hinterbliebenen Schatten jener Gesellschaft, die vollständige Aufopferung fordert, aber im Gegenzug nichts gibt, was niedere Triebe übersteigen würde. Das Bild wird auf groteske Weise verzerrt, doch diejenigen, die im Schatten leben, verstehen den Sinn. Eine Glättung der Kanten kommt nicht in Frage.
Wir wollten nie akzeptiert werden. Eine nicht zu kaschierende Tatsache, hervorgerufen aufgrund von Mängeln im gesellschaftlichen Kontext. Die Schatten sehen die systematisch angelegten Fehler und versuchen zu korrigieren, wodurch sie ihre Zugehörigkeit verlieren.
Skeptiker mögen meine zweifelsohne unrühmlichen Methoden hinterfragen und sie tun gut damit. Skepsis ist der erste Schritt zur Einmaligkeit.
Nun kommt also zwangsläufig die Frage auf, ob die Möglichkeit des Schmerzes tatsächlich in Betracht gezogen werden sollte.
Mein skeptischer Geist scheint unnachgiebig auf eine andere Möglichkeit zu bestehen. Höchstwahrscheinlich ist die vorangegangene Möglichkeit nicht ohne üblen Beigeschmack umzusetzen. Sie mag für manch einen, dem der Sinn nicht gänzlich offen darliegt, gar völlig haltlos erscheinen. Ja, die Sinnhaftigkeit mag zu ergründen sein, doch sie ist definitiv zur Genüge vorhanden.
Vermag denn eine andere Möglichkeit mir die ersehnten Antworten geben, nach welchen ich so fieberhaft suche? Welcher Weg wird schlussendlich der meine sein?
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