Hinter der Fassade


Autor: Benjamin Helbig


Gemächlich schlendere ich durch die Straße unseres kleinen Vorortes.

„Hallo Dan!“, höre ich die alte Frau Wegner aus ihrem schmalen Vorgarten rufen. „Wie geht es dir, mein Junge?“, fragt sie und lächelt und nickt mir zu.
„Hallo Frau Wegner! Sehr gut, danke der Nachfrage.“, antworte ich, als hätte ich diese Worte auswendig gelernt, als gehörten diese Worte nicht mir selbst. Frau Wegner ist eine gute Frau, denke ich. Nichts Böses im Sinn. Beständig beackert sie den rosigen Vorgarten ihres Hauses, wie jeden Tag um diese Zeit. Alles läuft hier wie auf Schienen, jeden Tag dasselbe. Dasselbe Getue, dieselbe Heuchelei. Mir geht es gut. Ihr geht es gut. Uns geht es gut. Das ist es, was die Leute hören wollen. Konfrontiert man sie mit der Wahrheit, wissen sie nicht, was sie sagen sollen, weil die Wahrheit nicht in ihre Gesellschaftsstruktur passt. Ihr geht es bestimmt gut, der alten Frau Wegner.
Tino, der Schwule kommt mir entgegen. Sein Blick ist beschämt zu Boden gewandt. Ohne zu grüßen zieht er schnellen Schrittes an mir vorbei, wie es sich für einen Schwulen gehört. Frau Wegner wird ihn missgünstig beäugen, wenn er an ihrem Vorgarten vorbei kommt. Alles wie immer.
Niemand sollte je erfahren, was wirklich vorgeht. Sonst endet ein jeder hier noch wie Tino.
Niemand kann in die Köpfe derer sehen, denen er begegnet. Könnte man es, so wäre man vermutlich arg schockiert, ob der Abgründe, die sich dort offenbaren würden. Zu schockiert, um sich mit seinen eigenen Abgründen zu befassen, welche man Tag für Tag unter einer Tonne zementartiger Heuchelei zu begraben vermag, bis man sie selbst kaum noch als solche erkennt.
„Hallo Herr Lehmann!“, grüße ich den jungen Mann, der gerade in sein rotes Cabrio steigt, frisch lackiert, die Hemden anständig gebügelt, die Krawatte sitzt, alles am rechten Fleck, alles Offensichtliche in Perfektion. Das Interessante ist, was nicht offensichtlich ist.
Ein paar Meter weiter biege ich unauffällig in den Wald ab, der sich am Rande unserer Vorstadt ins Landesinnere erstreckt. Ein Waldspaziergang an jenem wunderschönen Sommertag.
Unbemerkt zweige ich ins Dickicht ab, lasse den schmalen Waldpfad hinter mir, gehe immer tiefer in den Wald hinein, bis ich an der kleinen Lichtung hinter der großen Eiche angelangt bin.
Dort liegt es. Lautlos und schön. Ich nehme das Jagdmesser meines Vaters in die Hand und beginne zu schneiden. Beginnend mit kleinen, äußeren Teilen, arbeite ich mich langsam nach innen, zu größeren, interessanteren Teilen vor. Ich ergötze mich an all der dunklen, roten Flüssigkeit, die hinaus fließt, während ich schneide. Ich beginne, mich anzufassen, schneide immer tiefer, präzise und sorgfältig. Immer schneller stoße ich hinein in das rohe Fleisch, immer leidenschaftlicher werden die Schnitte.
Irgendwann lasse ich von der Klinge ab und falle schwer atmend auf den Waldboden. Die Ekstase ist vorüber, der Rausch vollendet.
Auf dem Heimweg komme ich wieder am Haus der Wegners vorbei, wo hinter verhangenen Fensterscheiben das Leben in seiner ganzen Absurdität abläuft. Leises Wimmern dringt durch die schmal geöffneten Spalte der Fenster an mein Ohr. Zu leise, um es näher zu analysieren.
Niemand weiß, was der Andere tut, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Doch eines ist klar: Jeder hat Geheimnisse, jeder seinen Abgrund.
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