Existenzrache

Existenzrache (18+)
 
Warnung: Diese Geschichte enthält Szenen mit expliziter Gewalt!


Sollte sich jemals jemand für die Motive jener mir bevorstehenden Tat interessieren, so sei ihm gesagt, dass Rache schon Motivation genug für mich war. Und chronische Lebensunlust, welche in der Leere meines Inneren und der Sinnlosigkeit meiner Existenz begründet liegt.
Haben sie mich jemals gefragt, ob ich leben will? Haben sie nicht! Der Gedankengang blieb aus. Wer könnte schon nicht leben wollen? Einfach ausgeschissen, ohne Rücksicht auf das, was da aus ihrem scheiß-fetten Körper heraus auf diese kalten, bekackten Fliesen dieses verschissenen Puffpissuars plumpste. Hab ihnen schon als Baby vor die Füße gekotzt. Eine Pfütze Babykotze neben Pfützen aus Blut, Pisse und Alkohol, vielleicht gar alles vermischt.
Womöglich war meine Geburt aber auch gar nicht so schlimm, wie ich sie mir immer ausmale. Meine Gedanken zeichnen stetig verzerrte Bilder mit kuriosem, meist blutigem oder verschiedenartig entartetem Inhalt. Nun zeichnen sie die Racheszenen in meinem Kopf vor, skizzieren, planen voraus. Die beiden Egomanen fragten mich nicht, ob ich leben will und ich frage sie nicht, ob sie sterben wollen. Gleiches (Un)recht für alle.
Ihr Haus drängt sich in meinen Blickwinkel. Das Haus, in dem ich meine gesamte verkackte Kindheit und Jugend auf unfreiwilliger Basis verbrachte. Es ist nun gut zwei-einhalb Jahre her, seit ich dieses gottverdammte Drecksloch hinter mir gelassen habe, bloß um in einem noch viel beschisseneren Nest zu landen. Das Leben hält so viel Scheiße bereit. Es ist wie ein Eimer voller Scheiße, der langsam, aber beständig über meinem Haupt entleert wird. Es ist zum kotzen...
Nun habe ich mich telefonisch bei Ihnen zum gemütlichen Beisammensein in fröhlicher Vor-Weihnachtszeit eingeladen. Man beachte die Ironie in meinen Worten, wenn man mein eigentliches Ziel bedenkt. Die letzten Tropfen Scheiße ergießen sich langsam aus dem Eimer des Lebens über mich, doch werde ich diesen verdammten Eimer alsbald mit meiner Axt in tausend kleine Stücke schlagen, gleich wie die Körper derer, denen ich das ganze Martyrium Leben hier letzten Endes zu verdanken habe.
Ich betätige die Klingel und setze ein Lächeln auf. Ein falsches Lächeln, dessen Aufrechterhaltung mir bedenklich schwer fällt.
Die Tür wird einen kleinen Spalt geöffnet, gerade so viel, wie die Sicherheitskette an ihr zulässt, und gibt den Blick auf eine ausgemergelte, alte Frau frei, welche mir reichlich bekannt vorkommt.
„Hallo Mutter.“, höre ich mich sagen und sehe mich lächeln. Dabei würde ich viel lieber gleich mit der Tür ins Haus und ihr mit der Axt ins Gesicht fallen, jedoch behalte ich vorläufig das aufgesetzte Lächeln bei, während sie die Sicherheitskette löst und mich schließlich herein bittet. Jahrelang habe ich sie stets nur im Stillen belächelt. Heute werde ich meinem Hass endlich Taten folgen lassen.
Schweren Schrittes folge ich ihr in das sauber hergerichtete Wohnzimmer.
Es stinkt nach Räucherstäbchen und aufgesetztem Gut-Mensch-Dasein.
„Hallo Vater.“, höre ich mich zu dem alten Mann im Sessel sagen und betrachte den Tisch in der Mitte des Zimmers, auf welchem reichlich Speis und Trank verteilt wurde. Ich wundere mich darüber, wie viel sie nur für meinen Besuch aufgetrieben haben, leben sie doch in relativ ärmlichen Verhältnissen. Kein Vergleich zu den Verhältnissen, in denen ich mein Dasein dieser Tage fristen muss, trotzdem ist es verwunderlich.
„Hallo Junge.“, sagt der Mann im Sessel und nickt mir zu.
Was will er mir damit sagen? Will er sich jetzt noch bei mir einschleimen, oder was? Erst demütigt mich dieses verdammte Arschloch jahrelang und jetzt macht er einen auf guten Vater. Passt zu ihm. Arschloch.
„Setz dich doch.“, sagt die alte Frau neben mir und nimmt auf der Couch Platz.
Ich will mich nicht zu ihnen gesellen. Ich hasse sie.
„Okay, ihr könnt jetzt aufhören mit eurem heuchlerisch freundlichen Getue.“, sage ich und bemerke meine Anspannung.
Stille. Niemand sagt mehr ein Wort. Was haben sie denn erwartet? Dass ich nicht hergekommen bin, um mich mit ihnen zu versöhnen, dürfte selbst diesen Schwachköpfen von Beginn an klar gewesen sein, oder irre ich mich?
Der Mann im Sessel bricht schließlich das Schweigen: „Junge, tu mir einen Gefallen. Lass uns die Vergangenheit vergessen.“
Was sagt er da? Wie kommt er dazu so etwas zu sagen?
Nach allem, was er mir angetan hat, bittet er mich um solch einen abstrusen Gefallen! Soll das ein Witz sein? Wie könnte ich die Vergangenheit vergessen?
Ich werde ihn töten.
„Willst du mich verarschen, oder was?“, sage ich.
Meine Anspannung hat sich in ein wahres Beben verwandelt.
„Junge, beruhige dich.“, sagt die Alte auf der Couch.
Ich will mich nicht beruhigen! Ich will ausrasten!
„Wieso sollte ich mich beruhigen? Er bittet mich um einen Gefallen! Sagt, wir sollten die Vergangenheit vergessen! Wie könnte ich, nach allem was passiert ist?! Ihr seid solche heuchlerischen Arschlöcher!“
Der Mann im Sessel seufzt und beginnt nach einer kurzen Atempause zu sprechen: „Junge... sieh uns an. Wir sind alt geworden...“
Was soll das jetzt?
„Soll das jetzt die Vergangenheit entschuldigen? Indem du mir sagst, dass du alt bist? Für was für einen Idioten hältst du mich?“
„Ich halte dich nicht für einen Idioten. Ich gebe zu, dass wir in der Vergangenheit ein paar Fehler gemacht haben...“
„Ein paar Fehler? Ihr habt mein Leben zerstört! Ihr hättet mich niemals in diese Welt hinein scheißen sollen, ihr verdammten Egoisten!“
Ich schreie! Ich will sie umbringen! Ein würdiges Ende meiner verschissenen Existenz!
Die Frau, die sich Mutter schimpft, beginnt zu weinen, fragt unter Tränen, was sie denn nur falsch gemacht habe, was denn bloß schief gelaufen wäre, dass ich sie so sehr verachte.
Fragt sie das ernsthaft? Ist das ernsthaft jetzt noch von Belang?
Sie weiß es. Sie muss es wissen. Natürlich weiß sie es.
„Willst du mir sagen, das wüsstest du nicht?“, frage ich aufgebracht.
Schluchzend schüttelt sie den Kopf. „Nein, Junge. Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich. Ich weiß es nicht.“
Sie will mich verarschen!
„Verdammte Heuchlerin!“
Wütend greife ich in die Innenseite meines Mantels und hole die kleine Axt hervor, welche ich in der letzten Nacht noch so sorgsam geschliffen und poliert habe, auf dass sie mir heute würdig zu Diensten sein kann. Schnell streife ich den Lederschutz von der Klinge, der mich vor Verletzungen beim Tragen geschützt hat. Sie wird er nicht schützen. Gar nichts wird sie mehr schützen können.
Wutentbrannt stürze ich auf die alte Frau zu. Sie stößt einen überraschten Schrei aus und hält schützend die Hände vor ihr Gesicht, versucht mich aufzuhalten, versucht die Axt aufzuhalten, die barbarisch und unaufhaltsam auf sie zu donnert, doch die Klinge ist stärker als ihre knochigen, verschrumpelten, alten Hände.
Ihr Schrei ist so laut, so konstant und so schrill, dass ich für einen kurzen Moment nichts weiter wahrnehmen kann, als hätte ich bei der Explosion einer Blendgranate zugesehen. Doch der Schrei währt nur kurz...
Die Axt gleitet durch ihre rechte Hand, schneidet sich in der Mitte hindurch, hinein in ihr faltiges Gesicht. Der Schrei bricht, ihre Stimme versiegt.
Ja, meine Klinge ist scharf. Ich habe eine ganze Nacht damit zugebracht sie zu schärfen... nun verrichtet sie ihr Werk... nun richtet sie... nun rächt sie mich...
Sie tut nur das, wozu ich sie geschaffen habe. Ihre Existenzberechtigung in dieser Welt. Die Existenz dieses toten Gegenstandes ist berechtigt. Die Meine ist es nicht...
Ihr vergaßt beim Ausscheißen meiner gottverdammten Existenz ihr eine Daseinsberechtigung zu geben!
Warmes Blut spritzt mir ins Gesicht. Das Blut der Egomanin.
Die Klinge meiner Axt steckt in ihrem Kopf, hat ihr Gesicht mittig entzwei geteilt.
Ich höre den Alten brüllen. Damit hat dieses miese Arschloch nicht gerechnet.
Vorsichtig rüttle ich die Axt hin und her und versuche sie wieder aus dem gespaltenen Schädel zu befreien.
Ein tiefer Graben klafft in ihrem Gesicht, wie eine Schlucht mit rotem Grund. Ein Fluss mit dunkelroter Quelle, ähnlich einem Lavastrom, der hinab zum Tal fließt.
Sie bekommt nur was sie verdient, nicht mehr und nicht weniger.
Sie hat die Konsequenzen nicht bedacht.
Sie nahm sich, egoistisch wie es nun mal in ihrer widerwärtigen Natur liegt, einfach das Recht heraus mir diese verschissene Existenz aufzuzwingen.
Und nun nehme ich mir einfach das Recht heraus die Ihre zu beenden, ebenfalls ohne mir Gedanken um eventuell daraus resultierende Konsequenzen zu machen.
Euer Leben ist verwirkt. Es ist verwirkt, seit ihr mich in dieser verfluchten Welt zum Leben gezwungen habt. Ihr habt euren egoistischen Wunsch nach Nachwuchs ohne die Einwilligung des dabei entstehenden Lebens gemacht.
Habt ihr darüber jemals nachgedacht?
Habt ihr auch nur einen Gedanken an mich verschwendet?
Nein... Hauptsache das verschissene Erbgut überlebt...
...und nun durchkreuze ich die familiären Traditionen...
...nun fälle ich diesen verdammten Stammbaum mit meiner Axt...
Vom Hass geleitet schlage ich erneut zu, lasse die Axt ein weiteres Mal auf ihren alten Körper hinab stürzen. Sie dringt in sie ein, wie der Alte vor so vielen Jahren. Gleichsam bedenkenlos.
Ihr roter Lebenssaft spritzt durch den Raum.
Ihre Formen zerfließen in einem blutig roten Schwall.
Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem höllischen Schmerz, welcher meinen Körper durchfährt, mich von den Beinen reißt und unsanft auf den Parkettboden knallen lässt.
Der Alte! Auf ihn habe ich nicht geachtet! Zu sehr war ich damit beschäftigt das Wirken meiner Axt zu betrachten. Dieser verdammte Bastard hat mir von hinten in den Rücken geschossen!
Nun liege ich da, zu den Füßen der Mutter, und röchle, unfähig mich zu bewegen. Dunkles Blut fließt dort an ihren Beinen hinab und sammelt sich in einer riesigen Lache auf dem Boden.
Verdammte Scheiße! Sollte es wirklich so zu Ende gehen? Ich habe mir diese Scheiße hier gänzlich anders vorgestellt. Es sollte die perfekte Rache sein und jetzt liege ich hier und krümme mich vor Schmerzen mit einem verdammten Loch in meinem Rücken! Nein, so sollte es nicht laufen.
Der Alte beugt sich zu mir runter.
„Warum... Warum hast du das getan?“, winselt er mich an und verschluckt sich beinahe an den Tränen der Fassungslosigkeit, die seine Wangen hinunter strömen.
Er versteht es nicht. Er versteht es einfach nicht.
Diese Qualen, derer ich mich seinetwegen annehmen musste.
Dieser Fluch, den sie mir auferlegten. Dieser Fluch des Lebens.
Ich bin nicht mehr in der Lage zu antworten. Es hätte ohnehin keinen Zweck. Dieses ignorante Arschloch versteht sowieso kein einziges Wort von dem was ich sage.
„Es... tut mir Leid, Junge... Ich wollte das alles nicht...“
Du wolltest das nicht?
Verdammt, du hast es heraufbeschworen mit allem was du tatest!
„Ich wollte nicht, dass es so endet... wie konnte das alles nur passieren?“
Hör verdammt nochmal auf mit deiner Heuchelei!
Er hält sich die Hand vor den Mund, schluchzt und erbricht sich.
Jetzt kotzt du dich aus, dabei sollte ich es sein, der sich hier auskotzt. Du kannst froh sein, dass ich dazu nicht mehr in der Lage bin.
„Oh Gott...“
Leicht benebelt wischt er sich die Reste seines Erbrochenen aus den Mundwinkeln.
„Du Monster!“, ruft er plötzlich und richtet die Waffe ein weiteres Mal auf mich.
Was wird das jetzt? Will er mir die goldene Kugel geben? So viel Anstand hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
Er zögert.
Seine Hand zittert.
Komm schon! Bring es zu Ende!
Ruckartig hebt er die Hand an seinen Kopf und presst die Waffe fest an seine Schläfe.
Damit überrascht er mich. Sollte er wirklich den Mut aufbringen können sich selbst zu richten?
„Wie konnte es nur so weit kommen?“, sagt er mit durchdringendem Blick.
Ich habe mir nichts vorzuwerfen.
Ich habe nur das getan, wozu ich mich verpflichtet gefühlt habe, wo ich doch sonst keine ernstzunehmenden Verpflichtungen habe, welche mir irgendetwas zu geben in der Lage wären.
Meine Existenz sollte gerächt werden und wenn du dich jetzt selbst richtest, so habe ich mein Ziel, trotz der Tatsache, dass nicht alles so verlaufen ist, wie es mir vorschwebte, tatsächlich doch noch erreicht. Also tu es! Tu es!
Er ist leichenblass und zittert am ganzen Leib.
Jetzt tu es schon, verdammt!
Er kneift die Augen fest zusammen.
Dann schießt er sich mit einem dumpfen Knall das Hirn aus dem Schädel.
Er hat es wirklich getan. Das hätte ich ihm beim besten Willen nicht zugetraut. Aber gut für mich. So habe ich meine Rache trotz meiner aktuellen Bewegungsunfähigkeit bekommen. Was für ein armseliger Idiot.
Und mich lässt er hier jetzt einfach ausbluten, wie ein geschlachtetes Schwein. Diese Schmerzen sind unerträglich.
Ich liege hier in einem Gemisch aus meinem eigenen und Mutters Blut, neben der Hirnmasse und dem Erbrochenen meines Erzeugers und warte auf meinen eigenen, hoffentlich bald eintretenden Tod.
So findet meine verfluchte Existenz, welche bereits viel zu lange andauerte, schlussendlich ihr Ende.
Mit einem Lächeln auf den Lippen schließe ich die Augen und drifte langsam in meinen langersehnten und wohlverdienten Todesschlaf...
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