Die Vernunft im Alleinsein

 

Autor: Benjamin Helbig


Allein, fernab von all dem Trug und Schein, treibt mein geliebtes Dasein dahin. Ich lebe in wundervoll einsamer Abgeschiedenheit, weit draußen auf dem Lande. Niemand kommt mich je besuchen und dafür bin ich auch recht dankbar. Ich bin sie leid, diese übel riechenden Tiere der Gattung Mensch. Mir ist ihre Art zu leben schon lange zuwider. Ich brauche Nichts und Niemanden hier.
Wie kam ich zu dieser, im allgemeinen Herdenhirn als Unart definierten, Art zu leben?
Nun, irgendwann, an einem Wendepunkt meines Lebens, überfiel mich die erstaunliche Erkenntnis, dass ich all dies, was ich zu jenem Zeitpunkt mit meinem Leben verband, überhaupt nicht wirklich brauchte, im Gegenteil, dass es mir und meinem Wohlbefinden sogar immensen Schaden zufügte. Ich begriff es im Zuge eines einzigen, wunderbaren Momentes.
Ich brach Kontakte zu Menschen ab, welche mir im Grunde schon immer bloß nachteilig waren und schwor all den unglückseligen zwischenmenschlichen Beziehungen ab, welche mir im Endeffekt mehr schadeten, als sie mir nutzten.
Im Allgemeinen regiert die Dummheit. Und sie verkannten mich ohnehin.
So lasst die Menschen mit sich selbst glücklich werden, doch ich klinke mich an dieser Stelle aus vollem Herzen und mit vollem Verstand aus, so sagte ich mir.
Blanker Hohn würde meine Worte durchziehen, triebe ich mich nach dieser weitreichenden Entscheidung weiterhin bei Meinesgleichen herum, habe ich sie doch schon lange im Stillen belächelt.
Nach einer ganzen Weile, in derer ich mich sowohl äußerlich, als auch innerlich immer mehr von der menschlichen Gesellschaft um mich herum abschottete, beschloss ich, meinem Leben einen ganz neuen Anfang zu schenken.
Ich brauchte nicht mehr viel zum Leben. All die Lasten, welche die moderne, konsumorientierte Gesellschaft in unser aller Leben hatte einfließen lassen, waren mir unlängst abgefallen. Die Blicke meiner Mitmenschen waren fragend und spottend, als ich auszog, doch sollten sie bei aller Vernunft doch viel eher neidvoll dreinblicken. Aber allzu viel war von ihnen ja ohnehin nicht zu erwarten. Dummes, leeres Geschwätz machte die Runde und bestärkte meine eigenbrötlerischen Tendenzen. Mit unbefangener Höflichkeit nickte ich all den ausdruckslosen Gesichtern zu, die mir auf meinem Wege hinaus in die Freiheit begegneten. Ich erntete bloßes Unverständnis und Kopfschütteln. Dies war mir Anerkennung genug.
Ich hatte erkannt, was mir im Leben wirklich wichtig war, und diese Wichtigkeit bestand nicht, wie man erwarten könnte, aus dankbarer Liebe oder dergleichen. Mit solcherlei Dingen können sich die Anderen begnügen. Mir ging es einzig und allein um den Affekt der Freiheit, um das Loslösen aus gesellschaftlichen Fangzähnen, um die Glückseligkeit in Einsamkeit, nicht um kurzfristige zwischenmenschliche Beziehungen, welche sowieso nur als Mittel zum Zweck dienlich sind, um die eigene innere Leere auszufüllen. Ich war ganz und gar nicht leer. Ich war voll. Bis zum Anschlag gefüllt.
Und so zog ich also aus, wanderte eine ganze Weile, schlief an den unterschiedlichsten Orten der Welt, nur, um schlussendlich zu diesem Punkte zu gelangen. Diesem wundervollsten aller Orte. Meinem Paradies, fernab jeglicher Zivilisation. Ein malerischer Landstrich von absolut überwältigender Schönheit.
Doch was zeichnet sich dort in der Ferne ab? Eine Gestalt? Ein Wanderer, auf der Suche nach Frieden und Glückseligkeit für sich und seine Seele? Ein Mensch, wie ich? Dies ist das Letzte, was ich ersehnen würde.
Die Umrisse der Gestalt werden mit jedem Schritt, den sie auf mich zutut, genauer und alsbald schon ist mein Auge in der Lage, sie als Ganzes zu erfassen. Oh Graus! Es ist eine Frau!
Meine Gedanken stellen sich quer, betrachten voller Unbehagen dieses Wesen, was da langsam, aber beständig, den Hang zu mir hinauf schreitet.
Urplötzlich wandeln sich meine immerwährenden Monologe in einen Dialog, erfrischend, doch gleichsam unbedeutend und von penetranter Lästigkeit.

„Darf ich fragen, welches Anliegen Sie den weiten Weg hierher geführt hat?“
„Natürlich dürfen Sie. Die Antwort ist so einfach, wie verzückend. Ich folgte meinem Herzen. Mit klarer Weitsicht führte es mich fernab des Weges zu Ihnen, mein Herr. Sie waren offensichtlich Ziel meines langen, entbehrungsreichen Marsches.“
„Was immer Sie damit nun auch zum Ausdruck bringen wollten; Ich bin nicht interessiert.“
„Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit Ihrer Worte, doch bin ich mir sicher, dass unsere Zusammenkunft von tieferer Bedeutung ist. Die Chancen lagen brach, jemanden mit menschlichen Zügen so weit abseits jeglicher Zivilisation zu erspähen. Und doch sehe ich Sie hier leibhaftig vor mir.“
„Ich weiß nicht, was Sie sich von diesen wohlgewählten Worten erhoffen, doch ich ersehne keinerlei Kontakt zu anderen Wesen unserer missratenen Spezies.“
„Und doch sprechen Sie mit mir. Ich sage Ihnen, ich werde nicht einfach wieder verschwinden. Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten, weil mein Glaube stärker ist, als Ihr Wille.“
„Was maßen Sie sich an? Der Glaube hat bereits viele Menschen vergiftet und irregeleitet. Lassen Sie mich mit Ihrem geistigen Verfall in Frieden und kehren Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind!“
„Mein Herz ist Bestimmer meines Glaubens. Ich bin ganz und gar weit entfernt von äußerlichen Belangen. Sagen Sie mir, hat nicht auch Ihr Glaube Sie abkehren lassen von menschlicher Gesellschaft? War er es nicht, tief in Ihrem Innersten, welcher Sie an diesen Ort geführt hat?“
„Es war nicht der Glaube, gnä´ Frau, es war die Vernunft.“
„Ich verstehe. Glaube und Vernunft. Zwei Worte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten.“
„In diesem Punkt stimmen wir überein. Die wahre Vernunft verbittet sich jede Art von unbestimmtem Glauben. Glaube ist die Vernunft der Dummen.“
„Lassen Sie mich einlenken; Ich handle auf meine Art ebenso vernünftig, wenn ich auf mein Herz höre, wie Sie, wenn Sie auf Ihren Verstand hören.“
 „Der Verstand bestimmt die Individualität der Vernunft. Ist es vernünftig, wenn man stets nur auf sein Herz hört? Oder sollte man dem Kopf auch etwas Platz zugestehen?“
„Sie meinen also, dass die Vernunft eines Menschen mit minderer geistiger Leistungsfähigkeit weniger ausgeprägt und zutreffend ist, als jene eines geistig überlegenen Sprachpartners?“
„Das entspricht in etwa meiner Ansicht, ja.“
„Ist das nicht etwas sehr weithergeholt?“
 „Mein früheres Leben, inmitten der belanglosen Herde, ist mir noch immer Beweis genug für meine These. Handelt ein Mensch vernünftig, wenn er stets mit dem vor sich hin dümpelnden Strom schwimmt und jegliche zaghaften Aufbegehrungsversuche aufgrund seiner Inkompetenz schon im Keim zu ersticken drohen? Oder ist das Zeugnis seiner Unvernunft und seines begrenzten Verstandes?“
„Gegenfrage: Ist Ihre groteske Flucht hierher nicht viel eher Zeugnis Ihrer eignen Unvernunft?“
„Pah! Verschonen Sie mich damit!“
„Sie können nicht einfach alles auf Andere abwälzen. Betrachten Sie erst einmal Ihre eigene Nase.“
„Lassen Sie meine Nase aus dem Spiel.“
„Gut. Aber Sie begreifen, worauf ich hinaus will?“
„Natürlich. In Eigenbetrachtung bin ich geübt, jedoch betrachte ich die Meinungen Anderer stets mit einer gewissen Skepsis.“
„In Meinungsfragen gibt es weder Richtig, noch Falsch.“
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein; Ich lebe weit genug von anderen Meinungen entfernt, sodass sie mich nicht weiter zu kümmern brauchen.“
„Ich gebe es auf. Vielleicht sind Sie doch noch nicht das endgültige Ziel meiner Reise, sondern bloß eine weitere Station meines Weges.“
„Freut mich, dass ich Sie endlich zur Vernunft bringen konnte.“
„Wie dem auch sei. Ich wünsche Ihnen ein ertragreiches und zufriedenes weiteres Leben hier oben. Ich werde mich nun wieder auf den Weg machen.“
„Ich wünsche Ihnen Glück. Auf dass Sie finden, wonach sich Ihr Herz sehnt.“

Mit diesen Worten zieht die Dame wieder los, in unbestimmte Richtung, mit unbestimmtem Ziel. Sie erinnert mich an meine damalige Zeit, als ich selbst noch auf der Suche nach mir und meinem Lebensweg war. Ich habe einen ebenso entbehrungsreichen Weg ohne genaue Zielvorstellung hinter mich bringen müssen, um zu meinem jetzigen Ich zu reifen und den Ort zu finden, den ich ohne Vorbehalte mein Zuhause nennen kann.
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