Die Qualen des Mitri

Autor: Benjamin Helbig

 

Ich fliege. Zurück in die Welt, wie sie mir bald wieder einzig bekannt sein wird. Ich kann die Geschwindigkeit, mit der ich hinunter rase, schon fast wieder spüren. Jeden Moment werde ich zum wiederholten Male unwissend sein und nur das Nötigste können. Ich bin bereit zu lernen. Ich bin bereit zu leben. Alles ist neu. 

„Bei der Einführung von Mitri Em18 liegt ein Fehler vor, holt ihn zurück!“
„Das ist unmöglich.“
„Sein Mitri wurde nicht richtig gebunden. Er weiß noch alles!“
„Das ist bedauerlich, doch nicht mehr revidierbar.“
„Er wird darüber sprechen, sobald er kann!“
„Ihm wird so oder so niemand Glauben schenken. Sein Wissen übersteigt die Kapazitäten des irdischen Mitri.“
„Und der Lerneffekt? Er wird ausbleiben, doch können wir ihm die Bedingungen nicht ersparen!“
„Es tut mir leid für ihn, aber wir müssen warten, bis er zurückkehrt.“
„So etwas darf einfach nicht geschehen!“
„Ich weiß...“ 

Ich erwache. Aber irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß, wieso ich herkam, was meine Bestimmung ist, was ich lernen soll. Ich kann nichts lernen, was mir nicht neu ist. Es ist falsch. Ich bin falsch. Was ist nur schief gegangen?
Und doch kann ich mich nur schwerlich bewegen, mein Körper ist neu, gerade geboren. Ich kann nicht sprechen, nur denken. 

Man schlägt mich und ich kann nur schreien und weinen. Das Problem ist, dass ich weiß, wieso man mich schlägt, wieso ich schlecht behandelt werde. So hat dies keinen Lerneffekt für mein Mitri. Ich bin immer noch vollkommen in ihm, sollte aber längst in der Ausschließlichkeit des Irdischen gebunden sein.
So sind dies nur grausame Qualen, derer ich ausgesetzt bin, vollkommen sinn- und zwecklos. Das Mitri müsste gebunden sein... 

Mittlerweile kann ich sprechen. Ich spreche von Dingen, welche die gebundenen Mitris für kindlichen Quatsch halten. Ich versuche es auf jedem erdenklichen Weg, versuche mich mitzuteilen - vergeblich. Niemand nimmt mich ernst. Ich werde geschlagen... 

Qualen. Ich wusste, dass ich ihnen ausgesetzt sein würde. Ich wusste es schon immer. Aber als sie schließlich greif- und fühlbar werden, wachsen sie über die Vorstellung meines Mitris hinaus. Ich sollte lernen. Ich lerne nichts, weil ich schon weiß... 

Ich will diesen Körper verlassen, will ihn töten, damit ich zurückkehren und mir diese schrecklichen Qualen ersparen kann. Was mich daran hindert, sind die Gefühle, welche eigentlich nur zum Lernprozess gehören sollten. Ich habe Angst. Ich kann es hier nicht beenden, muss abwarten und es durchstehen. 

Ich zähle die unsagbar vielen Momente und bin mir allen bewusst. Das Momentum existiert nur hier, genau wie Gefühle und die Form der Gegensätze. Ich hasse meinen Wirt, meinen Körper, hasse mich in dieser Form der Ohnmacht, hasse die Gefühle, hasse das Irdische. Doch ich weiß, warum es sein muss und welchem Zweck es dient. Und genau dort liegt der Fehler. 

Nicht mehr lange... bald ist es vorbei... ich weiß es... und es macht mich glücklich, dies zu wissen... 

Sie töten meinen Körper, vernichten seine Form, quälen mich mit meinen Gefühlen, lassen nicht ab von mir bis ich tot bin und endlich zurückkehren kann... 

Ich schwebe, blicke herab auf den Körper, durch welchen ich wichtige Lernprozesse durchleben sollte. Die Qualen sind nicht länger existent, kann sie nicht mehr spüren, kann sie nicht mehr mit Gefühlen verbinden. 

„Du sagst, du hättest nichts gelernt? Doch, das hast du. Du bist stark geworden durch den Wandel im Irdischen im vollen Mitri. Du bist etwas Besonderes geworden. Du weißt es.“ 

Und plötzlich wird es mir klar...

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